Ein nicht ganz zufriedenstellendes Testergebnis

Ein nicht ganz zufriedenstellendes Testergebnis

Vorfahrtschilder, Gefahrengüter, Parkverbote – wer nach langen Jahren noch einmal versuchen würde, seinen Führerschein zu machen, würde jämmerlich versagen. Diese Erfahrung machte zumindest Wiebke Brauer. Jedenfalls theoretisch.

„Sie hätten Klasse B nicht bestanden. Versuchen Sie es noch einmal!“ Mpfn.
Natürlich macht man ständig Witze darüber, dass man den Führerschein heute nicht mehr bestehen würde. Aber will man das in roten Lettern angezeigt bekommen? Will man nicht. Im Grunde seines Herzens hält man sich für den Walter Röhrl der Rushhour – und alle anderen Verkehrsteilnehmer für Nichtsnutze.

Den theoretischen Test mache ich im Internet– und versage schon im Vorwege an der Auswahl der Führerscheinklassen. Klasse B? Noch nie gehört. Hieß das nicht immer 3? Schnell sehe ich in meinem Führerschein nach. Der ist immerhin schon rosa und nicht in frischem Nachkriegsgrau gehalten – und zumindest kann man ihn noch als Lappen bezeichnen. Auch etwas, was mit der Cardisierung unserer Gesellschaft aussterben wird. Naja. Zum Glück ist bei dem Internet-Test neben der Klasse B ein kleines Auto abgebildet, ich klicke es an, dann nimmt das Elend seinen Lauf.

Erstens habe ich keinen blassen Schimmer, welche Vorteile ein Antriebs-Schlupf-Regelung (ASR) hat. Die Antworten „Meine Autos haben so einen Blödsinn nicht“ oder „Keine“ werden mir nicht angeboten. Auch die Frage, wie ein Gefahrgutfahrzeug gekennzeichnet wird, kann ich nur unsauber beantworten. Totenkopf? „Baby on Board“-Aufkleber? Pinneberger Kennzeichen? Ist ja auch egal. Knifflig wird es bei „Wie weit darf eine Ladung über die Rückstrahler nach hinten höchstens hinausragen, ohne dass eine Kennzeichnung erforderlich ist?“ Ich finde persönlich, dass diese Fragestellung kreativ gelöst werden muss. Bei einem Cabrio darf ein Billy-Regal viel weiter hinausragen. In alle Richtungen, versteht sich.

Im weiteren Testverlauf nehme ich reihenweise Vorfahrten, mangele theoretisch Fahrräder über, habe von Abständen keinen blassen Schimmer, interpretiere Verkehrsschilder eher kunsthistorisch und interessiere mich auch nicht dafür, mit welchem Fahrstil man Lärmbelästigung oder einen hohen Benzinverbrauch vermeidet. („Mit dem Gas spielen?“) Nummer 23 lautet dann:
„Was müssen Sie beachten, bevor Sie in einen Tunnel einfahren?“
- Sonnenbrille abnehmen
- Nebelscheinwerfer einschalten
- Auch am Tage in gut beleuchteten Tunneln mit Abblendlicht fahren.

Das erinnert mich an meine Lieblingsaufgabe von einst, die da hieß: „Wie verhalten Sie sich, wenn Ihnen jemand mit Fernlicht entgegenkommt?“ Eine mögliche Antwort: „Sie halten sich das linke Auge zu.“ Fast hätte ich es damals angekreuzt.

Bei der heutigen desaströsen Auswertung meines virtuellen Antwortbogens werde ich natürlich bockig, finde den Test lästig wie überflüssig und klicke die Seite schließlich weg, um auf einem meiner sinnlosen sozialen Netzwerke meine Zeit zu verplempern. Mitten im Plempern schweifen meine Gedanken ab. Ganz ehrlich? Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum Menschen nicht täglich zu einem einzigen Blechknäuel verunfallen. Gehen wir von der Umsicht und dem Intellekt des durchschnittlichen Fahrzeughalters aus – warum knallt es nicht sekündlich? Wachsendes Verkehrsaufkommen, brennende Nerven, dräuender Zeitmangel, sprudelndes Adrenalin, so viele Autos, so wenig Hirne und so wenig Unfälle. Ein absolutes Wunder der Menschheit. Ein Irrwitz – oder vielleicht einfach der Beweis, dass alles im Fluss bleibt, obwohl alles dagegen spricht. Ich liebe die Straße.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 11.10.2010