Ein Auto ist ein Auto ist ein Auto

Ein Auto ist ein Auto ist ein Auto

Retrofieber, Reprowahn und Recycling-Kultur. Karl-Theodor, Mini, Audi Quattro und Lena Meyer-Landrut. Alles nur geklaut, alles schon einmal da gewesen. Wiebke Brauer über die Kunst der Wiederholung – und die wirklich echten und einzigartigen Dinge im Leben.

Gähn, kenne ich schon. Alle schon gesehen, alles schon gelebt, alles gefahren, befummelt, gelesen und gefühlt. Mein Name ist Gracchus Überdrus, und ich fühle mich schlapp, schlapp, schlapp.

Willkommen im Jahr 2011, in dem sich alle darüber empören, dass ein deutscher Minister schummelte und sich auch noch dabei erwischen lässt. Dabei ist sogar die Diskussion darum wenig originär. Schon als etwa vor einem Jahr Jungautorin Helene Hegemann beim Abschreiben ertappt wurde, war die Aufregung groß. Oder sagen wir – mittelgroß. Zumindest das Feuilleton hatte damals ein echtes Thema: Liegt die Kunst in der Wiederholung? Was ist erlaubt, was Recycling, was Aufguss, was Remake, Plagiat, Coverversion, Neuauflage? Böse Zungen behaupten ja, dass in der Kunst sowieso nichts Neues mehr passiert ist, seitdem Andy Warhol die Suppendose von Campbell duplizierte. Aber das nur nebenbei.

Was die Hegemann anging, hatte sich die Sache schnell erledigt. Die schrieb nur ein Buch, das keiner las, trug keine Verantwortung, kein von und zu, kein Amt und keine Würden. Da machte es nur halb so viel Spaß, sie zu verteidigen, weil es so herrlich intellektuell ist, eine andere Meinung zu haben – oder sie von dem Sockel wieder herunter zu treten, auf den man sie vorher gehoben hatte.

Die wohlbekannte Erkenntnis lautet: History repeats itself. Den Beetle hatten wir, der hat nur sich selbst kopiert und hieß mal Käfer, der Mini, der , das Lied ‚Time of my Life’, einst von Bill Medley und Jennifer Warnes gesungen, nun von den Black Eyed Peas gecovert. Den Film „True Grit“ gab es auch bereits, aber da spielte noch John Wayne mit. C-Promis werden in Dschungelsendungen wiedergekäut, die Chinesen kupfern ab und nennen es Brilliance BS4, das Elektroauto wird mal wieder von allen möglichen Autofirmen erfunden, der Audi Quattro wird mal wieder in Serie gehen – und Lena muss auch wieder antreten. Spiel’s noch einmal, Raab. Da kann einem vor Langeweile schon einmal der Kopf auf die Tastatur fallen.

Was also tun gegen den ewigen Widerhall? Die einen suchen das wirklich Originelle, das Echte. Sie fangen an zu stricken, tragen Vintage und große Brillen, essen reelle Steaks, hören ehrliche Musik auf kleinen Konzerten und fahren Eingangräder, auch Single-Speed genannt. Kleines Problem: Das nennt sich dann Post-Retro und ist ein Modetrend, der sich schon mit seiner Entstehung überlebt hat.

Die anderen fahren mit ihrem ollen Auto an den Hafen und warten auf den Frühling. Den kennen wir zwar auch schon vage von früher, aber so ein Frühling hat doch immer etwas Frisches und Unverbrauchtes.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 28.02.2011