Echt hart: Hamburg – Berlin Klassik II

Echt hart: Hamburg – Berlin Klassik II


Der Weg ist das Ziel

Okay, es war ein harter Tag. Das lag natürlich nicht daran, dass wir bis zum (Bier-) Zapfenstreich der Auftaktveranstaltung blieben, um anschließend unseren ersten Tagesbericht zu schreiben, danach 3,5 Stunden zu schlafen, zu packen und elf Stunden Auto zu fahren. Nun sagen Sie noch einmal, die Abläufe in Ihrem Büro seien ähnlich eng verzahnt wie das Getriebe unseres Ovali-Käfers.  

Ach, ja: der Ovali. Heute fuhren wir mit ihm unter anderem durch Karow am See, laut Hinweisschildern ein anerkannter Luftkurort. Davon merkten wir allerdings nichts, weil permanenter Spritgeruch unsere Nasen umweht. Es lag natürlich nicht an der Kombination aus randvoll gefüllten Tank, rasantem Kurvenfahrstil und dem originalen Tankdeckel des Jahres 1956. Wahrscheinlich doch eher an postsozialistischem Tourimsusförderungs-Schmu. Genau.

Australien hat Down Under, Deutschlands Nordosten hat Below.  Nun kann man das korrekt "Beehlooh" oder eben "bielo" aussprechen, am Boden waren wir erst am Ziel, der Marina von Waren an der Müritz. In jedem Fall hat uns auch der heutige Rallye-Tag genügend Zeit für neue Einblicke und Aussichten gelassen. Denn das ist das eigentlich Tolle an dieser Veranstaltung: Sie läuft extrem entspannt ab, zwar nach genauem Reglement und mittels exakter Zeitnahmen unterwegs, aber dennoch mit Augenmaß.

Below steht, wie sinnig, im Roadbook weit unten. 

Sunny Bug! 

Einrahmendes Wesen: 1957 Chevy Nomad 

"Ich geb' Dir auf die Augen, Kleines."

So sehen wir gleich mehrere alte Gutshäuser und eine Wasserburg, die zu Hotelbetrieben umgewandelt wurden, fahren über abgelegene Nebenstrecken sicherlich nie den kürzesten, aber immer den sehens-wertesten Weg, für den tatsächlich immer wieder hier und da Augen-Blicke bleiben: Sonnenblumen unter Regenhimmel, geschwungene Landschaftabschnitte, immer wieder im Licht der Spätsommersonne aufblitzende Seen und Blech. Viel altes Blech – poliert dahin rollend, blubbernd, grollend, donnernd, flüsternd, sägend. 

/8 lwb, Ex-Oslo-taxi: Lange Geschichte, kurzer Prozess:                       Während draußen Staub ansetzt ...

wird er innen mit entsprechender Zapfanlage gelöscht! 

In Schwerin traf automobiler Kulturreichtum auf die Kultur des Faceliftings. Dieses jedoch bezogen auf die Tatsache, wie die aktive Bautätigkeit des Historismus sich vierer Gebäude auf der Schweriner Schlossinsel bemächtigte, um eines der sagenhaftesten Crossover-Gebäude entstehen zu lassen: Ein wenig Neogotik hier, ein wenig Schloss Chambord dort – das Schweriner Schloss, während Jahrhunderten Sitz der Mecklenburger Herzöge, ist mit seiner Baugeschichte eines der spannendsten Gebäude Norddeutschlands.

Schloss Schwerin, ehemals mecklenburgischer Herzogssitz.

Noch ein Rallyefoto. Ohne Autos, dafür mit Stille.

Orangerie Schloss Schwerin.

Zu Denkmalschutz und Sanierung gesellt sich für uns der kulinarische Aspekt in Form des maritimen Mittagsbuffets, abgerundet durch Tiramisu und Kaffee, sich anschließendem Lustwandeln durch Arkaden und Orangerie und Ölstandskontrolle und Tanken. Sie merken: Wir sitzen wieder im Ovali. Und ich kaufe an der Tankstelle eine Schachtel f6. Klar, die bekäme ich auch in Hamburg, aber das ist so wie mit der Zitronenkonfitüre aus England oder französischem Blätterteig-Gebäck: Erst der Erwerb an authentischem Ort macht den Kauf zu etwas Lebendigem. Immerhin wurde unser Käfer auch noch in Wolfsburg gebaut, nicht in Brasilien oder sonstewo.

My Fairlady – Datsun 240 ZX. Chapeau, Graf Goertz. 

Böse Buben: Bentley Continental Type R und Mercedes-Benz 300 SL. 

Jetzt sitze ich in der Lobby des Barockschlosses Blücher, welches ebenfalls behutsam zum Hotel erweitert wurde, und spüre zum ersten Mal an diesem Tag nicht mehr das Heulen des Käfermotors in meinem Ohren. Thomas hat sich bereits zurückgezogen, wahrscheinlich rasiert er seinen rechten Unterarm (siehe Bericht von gestern), und nach getaner Arbeit gibt es dann noch einen Absacker an der Bar. 

Thomas meinte heute übrigens, er fände das Spiel in der Lenkung bemerkenswert. "Was spielt es denn?, kalauerte ich unvorsichtig. "Mull of Kintyre von den Beatles", kam es ohne Verzögerung zurück, gepaart mit "passender" Gesangseinlage. Glauben Sie mir jetzt, dass dieser Tag hart war?

Bis morgen in Berlin. 

Unser erster Tag – hier

Feierabend.