"DubravesbravesAuto"

"DubravesbravesAuto"

Die Deutschen sprechen mit ihren Fahrzeugen. Bei den Frauen sind es fast zwei Drittel, das besagt zumindest eine repräsentative Studie. Das muss Wiebke Brauer sofort ihrem Mercedes erzählen. Natürlich ganz leise.

Prolog
Das Garagentor öffnet sich, Schritte nähern sich dem Wagen, der unter einer Plane abgedeckt im Dunkeln steht, die Kontur flacher als seine Standnachbarn. Das Garagenlicht geht an, die Plane reflektiert den Schein. Erster Akt
Ein Monolog beginnt, eingeleitet durch ein sehr undamenhaftes Quieken der Freude. „Uuiiik! Da bist Du ja. Boa, ich bin Dich viel zu lange nicht gefahren, aber das Wetter war so mies, weißt Du. Mmmhm, erstmal abdecken und die Plane zusammen knüdeln...“
Auto wird auf mögliche Staub- und Standschäden untersucht, die innerhalb der letzten Woche an dem Wagen aufgetaucht sein könnten. Imaginäre Flecken und Fussel werden sorgfältig entfernt, der eigentliche Grund dafür liegt in einer ausgeprägten Lust, den Wagen mächtig zu befummeln und ihn sich wieder zu eigen zu machen.

„Mmh, so mal einsteigen, Mist, schon wieder mit der Tür an die Wand geditscht, tut mir leid. Malradioreinanschnallnundnschlüsseldrehen, enttäusch’ mich jetzt nicht, Du weißt doch, Du bist der Beste und wehe, wenn nicht, aber Du schaffst das...“
uiuiuiuiuiBRRRROOOOAAAAAAAMMMMMMMMMMMMmmmmmmmmmmmmmm.
Wagen springt brav an.

Zweiter Akt
„Du bist einfach der weltbeste WeltbestWagen der weltbesten Welt. Dieser Sound. Dieser Sound. Dieser Sound. Hör’ Dir das an. Das hör’ sich mal einer an. Dieser Sound. Dieser Sound. Und das ist meiner. Dieser Sound. Dieser Sound. Dieser unglaubliche Sound. Ich dreh’ durch. Dieser großartige Sound. Dieser Sound. Dieser grandiose Sound.“ (Gedanke wiederholt sich unendlich, bis der Wagen aus der Garage geglitten ist und poppt während der gesamten Fahrdauer immer wieder auf.)

Intermezzo
Wagen muss beim Herausfahren kurz halten, um einen Fußgänger vorbeizulassen. Fußgänger schimpft aus unerfindlichen Gründen.

Dritter Akt
„SCHEISSFUSSGÄNGER! Ich fahr’ Dich schon nicht platt! Brauchst gar nicht so doof zu kucken, ja, das ist ein fettes Auto mit krassen Stoßstangen, die nur für Dich da sind, blöder Kerl. Fährt bestimmt einen Touran, Blödmann. Grummelgrummel. Hm, Ampel, rot. .... Immernoch rot. Rotorotrot. Was macht die denn hinter mir? Auf jeden Fall redet sie. Heutzutage weiß man ja nicht mehr, ob die Leute einen an der Marmel haben oder telefonieren. Wahrscheinlich spricht sie mit ihrem Auto, rotottrotrotrot... Tun ja 60 Prozent der Frauen. Benutzen ihr Auto als Gesprächspartner. Kann das mal grün werden....? Na endlich grün. (Dieser großartige Sound.) 37 Prozent der Männer schimpfen mit ihren Karren, 31 Prozent der Frauen säuseln ihnen was vor. Was heißt hier Säuseln, das mache ich ja nur, wenn ich etwas Bestimmtes will. Überholen... Schimpfe ich mit Dir? Naja, selten, aber dann hast Du es auch nicht anders verdient, Du Möhre. Möhremercedesmöhre. (Hach, dieser Sound.) KANNST DU NICHT AUFPASSEN, DU HORST? ICH GLAUB’, ES HACKT!“ Schimpftirade wird leiser, mal lauter, Monolog wird weiter geführt, wird langsam weniger, und erschöpft sich ganz in einem monotonen Summen, als der Bestimmungsort erreicht ist. Auto wird geparkt, Zündschlüssel abgezogen.
Der Motor erstirbt.

Epilog
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Innere Ruhe.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 27.09.2010