Du riechst so gut!

Du riechst so gut!

Nichts gegen einen Tupf Chanel Nr. 5 hinter dem seifig duftenden Ohr – aber was ist das schon gegen einen Atemzug Benzin? Nichts. Leidenschaft geht eben durch die Nase, findet Wiebke Brauer

Es gibt Gerüche, da zünde ich durch. Geht wohl allen Menschen so. Für manche ist es ein bestimmtes Parfüm, was sie 1982 am frisch gewaschenen T-Shirt ihres Schwarms gerochen haben, Cool Water, Grey Flannel, ein Spritzer Dakar Noir. Oder Vanille, weil es sie an Mutti erinnert, an Behaglichkeit und warme Kipferl, an heiße Milch und dunklen zähfließenden Honig, der sich träge in die dampfende Tasse ringelt. Ja, ist auch schön, nichts gegen einzuwenden.
Ich habe es mehr mit Benzin. 98 Umdrehungen, am liebsten vollverbleit, aber das ist ja nun nicht mehr. Rauf auf die Tankstelle, aussteigen, Tankdeckel auf, Zapfhahn versenken und unauffällig vorbeugen. Schnobern. Die Nasenflügel weiten sich etwas, ein Mundwinkel verzieht sich eine Idee nach oben. Einen tiefen Zug Gasolin inhalieren, der bis in die Lungenspitzen lodert. Super.
Keine Angst, ich fahre nicht täglich auf die Tanke, um zu schnüffeln. Aber ich liebe diesen Geruch. Er ist ehrlich und geil kitschig, mich durchweht ein sehnsüchtiges Ziehen von Freiheit, Abenteuer und Mittelstreifen. Stinke ich abends nach Kraftstoff und warmem Motoröl, war es ein guter Tag. Wenn wir von porösen Leitungen und offenen Benzinhähnen am Krad mal absehen.
Natürlich kann ich dieser Leidenschaft nur in Oldtimern nachgehen. Wer jemals in ein neues Auto gestiegen ist, weiß: Das riecht nach Kunststoff. Ob ich jetzt in den neuen Golf steige oder mir eine Plastiktüte von Karschi über den Kopf ziehe, macht geruchsmäßig für mich keinen großen Unterschied. Alte Autos hingegen riechen erstens nach ihren Schmierstoffen – und zweitens sehr unterschiedlich. Die einen dünsten ein bisschen Ernte 23 mit Koffergeruch plus Metall aus, die anderen verbreiten einen Mief von Nil-Zigaretten, durchgeschmortem Kabel und warmem Plastik mit Rissen. Dazu kommt der Ruch der eigenen Erinnerungen. Während der Braune in meiner Garage für mich nach Salz, See und Düne duftet, nach Hafen, Eile und Asphalt, versprengt der Schwarze ein Odeur von rissigem Leder, vermengt mit Adrenalin und einer ziemlich satten Schwade Benzin.
Oder kurz gesagt: Meine Autos riechen gut. Sie riechen nach Glück.