Dies ist ein Liebesbrief

Dies ist ein Liebesbrief

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, der Graupel fällt, die Kerzen flackern – ein guter Moment, um sich einmal bei seinem Auto zu bedanken. Wiebke Brauer lappt heute ein bisschen ins Sentimentale und tunkte ihren Füller in eine Dose Altöl

Mein liebes Auto, draußen ist es dunkel, das Rauschen des Verkehrslärms kriecht mit einem kalten Windzug durch die Fensterritzen, vermischt mit dem Geräusch des Regens. Ein guter Moment, um ins Melodramatische zu driften, schließlich ist dies die Jahreszeit, in der man beim Anblick eines verlorenen Handschuhs auf der Straße kurz ins Weinen gerät, zweimal am Tag in die Garage geht, weil man sich dort wohler fühlt als in seiner überheizten Butze und zwischendurch heimlich an den Ersatzteilen in seiner Wohnung schnuppert, weil sie nach Sommerstaub riechen, nach Asphalthitze und nach einst klebrig warmen Öl, vermischt mit dem sauberen Dreck der Straße.

Dreißig Jahre bist Du in diesem Jahr geworden, liebes Auto, fast sieben Jahre besitze ich Dich schon. Geben wir es zu, ich hänge an Dir. An einem eisig kalten Tag im Januar 2004 sah ich Dich das erste Mal, irgendwo im Norden der Republik, vor einem Bauernhof – und das erste, was ich dachte, war: „Braun. Was für eine bescheuerte Farbe.“ Der Verkäufer erzählte mir, dass seine Frau Dich immer „Brownie“ nannte, was die Sache nicht unbedingt verbesserte. Du hattest zu viele Kilometer runter. Du rochst nach Ärger. Gekauft habe ich Dich trotzdem.

Heute ist braun schwer in Mode, ich halte es immer noch für eine bescheuerte Farbe, gewöhnte mich aber im Laufe der Jahre daran. Nicht nur an die Farbe. Auch an den durchgesessenen cremefarbenen Sitz, an die labbrige Schaltung und das Puckern im Armaturenbrett. Woher dieses verdammte Geräusch kommt, habe ich nie herausfinden können. Ich habe es auch nie geschafft, diese hölzerne Leiste da vorne wieder richtig anzubringen. Sie steht ab wie eine widerspenstige Strähne, die weder durch Fön noch durch Gel zur Raison gebracht werden kann. Ich habe es irgendwann aufgegeben.

Du und ich, braunes Auto, wir führen seit sieben Jahren eine gute Beziehung. Du ertrugst meine Launen, hast es geduldet, dass ich Dich im zweiten Gang bis 80 hochjage. Du nahmst den Poller hin, die Garagenwand und die Hecke. Sogar die Kommentare der Mitmenschen („Pagode, oder? Schluckt bestimmt enorm viel“) perlten an Dir ab.

Niemals kam eine Klage. Stoisch soffst Du Deine zehn Liter und verlorst keinen Tropfen Öl. Die gelben Engel vom ADAC hast Du nie kennen gelernt, das Versagen war Dir fremd. So ein Auto gibt es nur einmal.

Der britische Moderator Jeremy Clarkson hat völlig recht, als er sagte: „Für manche ist ein Auto nur ein Haufen von Metall, von Gummi und Glas. Für andere ist es soviel mehr, aber das verstehen die meisten nicht.“ Nein, versteht nicht jeder. Ich liebe diesen Metallhaufen, der mich ans Meer, zu Beerdigungen und zu Hochzeiten brachte. Ich habe auf das riesige Lenkrad geheult, in die Sitze gekleckert, Dich mit Rauch voll gequalmt. Geputzt. Gewaschen. Gewachst. Poliert. Bewundert. Verflucht. Vermisst. Ich finde ein altes Foto von uns, wir beide auf einer Tankstelle.

Jetzt stehst Du in der Garage, bedeckt mit einer Plane, im Dunkeln, das Motorrad lehnt zur Gesellschaft neben Dir. Vielleicht sollte ich noch einmal nach Dir sehen. Ja, vielleicht sollte ich das.