Die Zukunft fest im Rückspiegel: Ein Rundgang über die IAA 2009

Die Zukunft fest im Rückspiegel: Ein Rundgang über die IAA 2009


Messe Rundgang

Vom Ende der Autowelt, wie wir sie kennen, kündet die diesjährige IAA in Frankfurt. Hybrid und Elektro an allen Orten und Ständen, dem Verbrennungsmotor sagen die Hersteller leise Servus. Wie schon zur ersten und zweiten Ölkrise 1973 und 1979. Aber diesmal meinen sie es ernst!

Die gute Nachricht zuerst: Auch dieses Jahr findet wieder eine Internationale Automobil Ausstellung in Frankfurt statt. Trotz Weltwirtschafts- und Bankenkrise sind zumindest die Deutschen Hersteller von Rang und Namen angetreten, uns den Weg in eine schöne Autozukunft zu weisen. Wie schön diese Zukunft sein wird unterstreichen die zahlreichen attraktiven Messe-Hostessen, die den passenden Rahmen für die Stände von Audi, BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen bilden. Natürlich darf auch Porsche nicht fehlen.

Dem Betrachter fällt sofort ins Auge: Neue Farben dominieren die diesjährige IAA, Blau ist das neue Rot und Grün ist das neue Weiß. Symbole für einen Aufbruch der Industrie in umweltgerechte Gefilde, denn neue Autos haben jetzt grün zu sein und zwar durch und durch. JEDER TROPFEN ZÄHLT, zumindest wird das auf dem üppigen Stand von Mercedes-Benz behauptet. Jetzt sind wohl die Erbsenzähler zu großzügig, wenn schon die Tropfen gezählt werden müssen. Woher da noch der Stoff für eine Welle der Begeisterung kommen soll, bleibt fraglich oder an dem Anblick der hübschen Hostessen hängen. Liegt im bisherigen fast ungebremsten Wachstum der Fahrzeuge der Ursprung allen Übels? Die überwuchernde Fettleibigkeit der aktuellen Automodelle ist unübersehbar und geht einher mit Übergewicht. Natürlich sind auch unsere Ansprüche gestiegen, aber muss ein Auto-Hintern wirklich so aussehen wie das Heck des Porsche Panamera? Doch möglicherweise werden wir das bislang unverständliche Walross aus Zuffenhausen dereinst lieb gewinnen. Schluss mit dem Lamento, werfen wir einen Blick auf die präsentierten Klassiker der IAA 2009. Bei BMW und Mercedes-Benz besinnt man sich der guten alten Zeit und spannt einen weiten Bogen von den Legenden zu der heutigen Palette. Bei Mercedes-Benz werden unter den Motti Impuls, Ideal und Inspiration jeweils vier Paarungen vorgestellt. Hier die Konzept-Studie zum Swatch-Auto und ein aktueller Smart. Dem 300 SE von 1963 wird der Prototyp F 700 von 2007 gegenübergestellt. Dem nicht mehr lange lieferbaren SLR wird sein namensgleicher Ahn von 1955 zugeordnet. Während der Oldtimer auf eine beeindruckende Siegesserie in zahlreichen Rennen zurückblicken kann fällt die Lorbeer-Sammlung des Neuen recht übersichtlich aus. Hier wird der erste Benz Motorwagen mit einer Studie verglichen, die eine Brennstoffzelle zum Antrieb nutzt. Die Parallelen im Aussehen der Beiden sind kein reiner Zufall, sondern gewollt.

Unter dem Motto "Freude ist was uns bewegt" füllt BMW eine eigene Halle nicht nur mit den Kreationen von Chris Bangle und seinen Epigonen, auch ansprechend gestaltete Klassiker wie ein 502 werden präsentiert.

BMW konnte sich der Dienste des erfolgreichen Rennpiloten Hans-Joachim Stuck versichern, der in einem Rennwagen quer durch die Halle und über den Messebesuchern in einem BMW Rennwagen aus den 50ern seine Runden zog. Auf Augenhöhe konnte der Besucher der Vision von BMW für zukünftiges Fahren begegnen, dem Vision Efficient Dynamics. Bleibt zu hoffen, dass eher die technischen Lösungen dieser Studie ihren Weg in neue BMW Modelle finden. Sowohl der Stand von Mercedes-Benz, als auch der von BMW zeigen deutlich welches Potential für die Europäischen Automobilhersteller in ihrer Historie schlummert.

Auch die Macher des Mini wagen jetzt, nach dem furiosen Start des kleinen Retro-Wagens, einen Blick in die Vergangenheit. Auf dem Stand gesellt sich nun neben die aktuellen Minis auch ein Morris Mini Minor aus den 60ern. Bei Mini pfeift man übrigens auf den offiziellen Farbcode der IAA 2009 und präsentiert das Display "Back to the Future" in der Farbe der Liebe, einem kräftigen Rot. Liebe geht durch den Wagen, es geht doch.

Mit einem Kadett B knüpft auch Opel an bessere Zeiten an, als die Rüsselsheimer noch die Nummer zwei auf dem Deutschen Markt und mit Vertrauen und Zuneigung von ihren Kunden überschüttet wurden. Aber nicht "Back to the Future" sondern "Wir leben Auto" ist das Motto, unter dem das angeschlagene Unternehmen sich auf den steinigen Weg macht, verlorenes Terrain am Markt zurück zu erobern. Eine Wiederkehr zur alten Stärke ist der Marke zu wünschen, auch weil Opel immer für eine Überraschung gut war.

Unter dem Motto "neu denken" soll ein vielgeliebter und oft unterschätzter Vertreter einer vergangenen Welt wieder auferstehen, der Trabant nt. Ob hier jenseits von Ostalgie ein zeitgemässes Produkt entsteht, lässt sich hier nachlesen: www.trabant-nt.de

Unter der Federführung des Modellautoherstellers herpa wurde auf einem etwas versteckten Stand ein aktueller Prototyp gezeigt, der auf reges Interesse stiess. Eine Wiederbelebung des Zweitakters wird es wohl nicht geben, dafür soll ein Elektromotor, Lithium-Ionen-Akkus und ein Dach aus Solarzellen für ein zügiges Fortkommen sorgen.


Habe ich Ostalgie gesagt? Dann muß ich im Zusammenhang mit der IAA 2009 auch den Melkus RS 2000 erwähnen.

Melkus kommt mit einer aktuellen Neuauflage seines legendären Sportwagens mit Wartburg-Technik und zeigt auf dem Stand daher ein wunderbares originales Coupé Melkus RS 1000 aus alten DDR-Tagen.

Ostalgie - Westalgie? Der gute alte Westen. Das ist auch das Mercedes-Benz G-Model, das 2009 30 Jahre alt wurde und noch immer produziert wird, ein Oldtimer aus aktueller Produktion. So etwas gibt es eigentlich nur bei Morgan und Lada, oder eben Sindelfingen. Versteckt in der hinteren Ecke wird der G 500 auf der IAA 2009 gezeigt. Schwarz, vor schwarzem Hintergrund und offenbar ohne große Gedanken an Grün, an jeden Tropfen und ähnlich neumodisches Zeugs.
Interessant? Die drei Chinesen auf dem Bild jedenfalls fühlten sich gerade von diesem Angebot besonders angesprochen.


Mechatronik im Schwabenland gleich in der Nachbarschaft von Mercedes-Benz richtet sich ebenfalls auf ein Chinesisches und Arabisches Klientel ein, die sich am Look einer Pagode mit aktueller Technik und Fahrleistungen erfreuen wollen. Ungefähr so geschmackssicher wie ein Mixgetränk aus Cola und edlem Rotwein.


Klassikerfreund kommst Du zur IAA 2009 nach Frankfurt, dann verpasse die Halle 9 nicht. Dort hat der Verband der Autoindustrie Deutschland in Zusammenarbeit mit der Deutschen Museumsstrasse eine kleine aber hübsche Sammlung von Fahrzeugen vergessener Deutscher Fahrzeughersteller zusammengetragen.
Ein Röhr 8 Typ RA, Bj 1931 mit 8 Zylinder-Motor in VR Bauweise aus 2,5l Hubraum und einer Leistung von 55 PS. Das Fahrzeug hat eine Autenrieth-Karosserie. Hersteller-Namen, die heute tatsächlich nur noch Wenigen bekannt sind.

Die Röhr AG wurde 1926 in der Nähe von Darmstadt gegründet. Ab 1927 wurden die Röhr 8 gebaut, die nur 1.000 kg wogen und in dieser Leichtbauweise einen Meilenstein in der europäischen Automobilentwicklung darstellten. Auf den Automobilmessen in Berlin, Paris und Genf erhielt der Wagen mehrfach die Auszeichnung "Sicherster Wagen der Welt".

Ebenfalls zusehen dieser Simson Supra Typ A Bj 1931. Simsons Ursprung ist die Waffenfabrik der Brüder Simson in Suhl/Tühringen. Simson baute bis 1934 Automobile und war im Motorsport recht erfolgreich, gewann zum Beispiel 1928 die Rallye Monte Carlo. Simsons Autosparte ist heute in Vergessenheit geraten, die Zweiradfertigung endete hingegen erst 2002.

 

Die Oldtimer-Sonderschau in Halle 9 der IAA 2009 ist spartansich ausgestattet. Das passt ins Krisen-Messe-Jahr 2009, das passt aber auch zu den präsentierten Fahrzeugen, die jeweils in ihrer Zeit Maß gehalten haben. Denn Verschwendung und Übermass sind Fremdworte für ein Kommissbrot von Hanomag.

 In diesem Sinne freut man sich am Golf 1 aus den frühen Jahren in der kleinen abgelegenen Oldtimer-Sondershow des VDA und lächelt beim Vergleich mit dem aktuellen VW Golf des Jahres 2009 nur wenige Meter entfernt im Protz-Palast der VW-Halle.

 

Die IAA zeigt nach der Finanzkrise das Ende der Autombilwelt, wie wir sie kennen.

Grün und Blau ist die Zukunft. Grün und Blau sind die Farben des IAA 2009 Posters. Umwelt und Effizienz um jeden Preis. 1899 fuhr dieser Wagen mit dem schönen Namen Jamais Contente (die nie Zufriedene) auf Michelin-Gummi-Luft-Reifen und mit zwei 25kw-Elektromotoren ausgestattet 105km/h, ein früher Rekord, der auch von den damaligen Verbrennungsmotoren nicht geschlagen werden konnte.

Das Thema "E"-Antrieb ist also ebenfalls bereits mehrfach in der Automobilgeschichte aufgetaucht.

Ob diesmal ein längeres Gastspiel daraus wird?

Autor: Frank Brendel