Die Welt geht unter. Entspannt Euch

Die Welt geht unter. Entspannt Euch

Aktienkrise, einstürzende Altbauten, Paris Hilton pimpt ihren Bentley mit Brillianten, Opel geht Pleite. Wiebke Brauer versucht, ganz ruhig zu bleiben.

„Ommmmmmmm.“ Ich bleibe ganz gelöst und locker. Ich rege mich nicht auf. Es berührt mich einfach nicht. Die große Koalition bricht auseinander. Die Europäische Zentralbank senkt den Leitzins. Ich bleibe ruhig, atme in meine Chakren. Wo waren die noch mal? Egal, ich atme in mein Lenkrad, geht auch. Opel geht pleite, da können sie noch soviel reden. Adieu Manta, Astra, Corsa, Insignia, Rekord, Admiral und Kadett. Kein Blitz mehr, das war’s. Ich bleibe ganz lässig. Mein Lieblingslabel Schießer geht ein, keine Unterhemden mehr, kein Feinripp mehr für Wiebke. Es perlt an mir ab. Märklin geht bankrott, Begleiter meiner Kindheit, Beglücker an Weihnachten und an Geburtstagen, meine Schienen und Dampfloks, die kleinen Tannenbäume und die Weichen, die katastrophalen Zugunglücke in meinem Zimmer. Einfach vorbei. Es berührt mich nicht. Ich stecke mir die Zeigefinger in die Ohren und mache ganz laut: „Böböböböböböb.“
Und was lese ich eben? (Ja, ich lese noch Nachrichten, ich kann es nicht lassen…) Paris Hilton besitzt einen pinkfarbenen Bentley, okay, das lassen wir einfach mal so stehen. Aber gerade hat sie sich in Großbritannien ein mit Diamanten besetztes Armaturenbrett bestellt. Und leider muss sie jetzt ein bisschen auf die Kiste warten, weil in dem Werk die Produktion ausgesetzt wurde. Bis Mai, wegen der Finanzkrise. Das ist doch total verrückt. Da bestellt sich die Schickse doch Brillis in ihren rosa Bentley. Ich könnte mich jetzt über sie aufregen. Wäre ja auch politisch korrekt, macht ja jeder, gehört zum guten Ton. Oder ich rege mich über Heidi Klum auf. Die findet ja auch zur Zeit jeder doof. Oder ich mache voll den Aufriss wegen der Waffenmesse in Abu Dhabi, auf der Granatwerfer, Kampfpanzer und Funkstöranlagen ausgestellt werden, während lächelnde Hostessen daneben stehen. Ich könnte mich ja auf den Rathausplatz hinstellen und „Weltfrieden jetzt ma!“ schreien. Oder so.
Muss ich aber nicht. Ich bleibe ganz lässig. Mein Auto ist heil, es fährt, es macht gute Geräusche, gluckst und brummt. Das macht mein Leben schön. Und so übersichtlich. Am Wochenende werde ich es schrubben und den Chrom wienern, ein bisschen Lackpflege hier und ein bisschen Scheibenrein da.
Und während die Welt um mich herum in einem tosenden Chaos aus silbernen Blitzen, kollabierenden Aktienkursen, rosa Autos, Granatwerfern von Schießer, Heidi Klums Zähnen und Kölner Trümmern versinkt, poliere ich meine Stoßstange. Es wird still in mir. Psst. Nicht stören, bitte. Autor: Wiebke Brauer