Die Verschwörung und der Stammtisch

Die Verschwörung und der Stammtisch

Die einen lieben es, die anderen nicht: Das Treffen am Stammtisch, die gesellige Runde am Aschenbecher. Wiebke Brauer über ein seltsam anachronistisch anmutendes Phänomen und andere Merkwürdigkeiten.

Wahrscheinlich habe ich Angst vor Stammtischen. Ich habe auch Angst vor Bundesjugendspielen, vor rutschenden Strumpfhosen, vor Kassiererinnen bei Lidl, die: „HIER NICHT MEHR“ brüllen und vor Kontrolleuren in der Bahn, weil sie in mir das Gefühl auslösen, ich hätte schlimme Dinge getan. Ich habe auch Angst vor Messerbänkchen in Schwanenform und kleinen Deko-Glaskieseln, weil ich sie nicht verstehe. Neuerdings habe ich auch Angst vor Orchideen. Warum? Plötzlich infiltrieren sie die Wohnungen, wurzeln und blühen sie überall herum – sogar bei mir. Ich sage nur: Verschwörung. Aber das ist ein anderes Thema.

Stammtische flößen mir Angst ein, weil ich an riesige leere Aschenbecher denken muss, über denen bleierne Schilder baumeln. Es riecht nach abgestandenem Bier, auf der Marmorfensterbank sammelt sich der Staub von Dekaden. Ein Gummibaum runzelt kläglich und verkümmert. Die Witze sind schal, es geht um große Brüste und enge Hosen, ein Kalauer kracht in die Holzvertäfelung, Lachen brandet auf und läuft klebrig an der Theke herunter.

So stelle ich mir das vor. Aber wahrscheinlich habe ich gar keine Ahnung. Wahrscheinlich sind Stammtische ein zwangloses Glück, ein heiteres Beisammensein von Gleichgesinnten und ein Quell der in Reihe geschalteten Freude. Aber wenn wir jetzt einen Auto-Stammtisch nehmen – denken wir dort alle gleich, weil unsere Oldtimer uns alle in unverwechselbare Individuen verwandeln? Und macht es überhaupt Sinn, aus dem Wagen zu steigen und sich in eine Kneipe zu setzen? Dann trinkt man Alkohol und muss mit dem Bus nach Hause. Also doch lieber Rallyes fahren. Wobei das mäßig kommunikativ ist, zugegeben. Aber man kann ja Ausfahrten machen, anhalten und picknicken. Aber vielleicht ist das so eine rosa-plüschige Frauen-Idee aus dem 19. Jahrhundert, man breitet weiche Decken auf dem Grün aus und setzt sich damensattelmäßig auf die Wiese, knabbert Petits Fours und schlürft umdrehungsfreien und schweinefarbenen Prosecco, während in den Bäumen drum herum die Goldammern mit ihrem Geträller das Kichern der Weibsbilder zu übertönen versuchen. Keine Ahnung.
Vielleicht haben Frauen an Stammtischen sowieso nichts zu suchen, man kann ja auch schlecht Witze über einparkende Schabracken machen, wenn sie direkt neben einem das Herrengedeck wegschlürfen. Genau. Ich habe nämlich keine Angst, sondern dort einfach nichts verloren. Frauen gehören nicht an Stammtische. Also zurück an die Gießkanne, meine Orchideen wässern. Vielleicht sollte ich auch mal eine hinten in den Mercedes stellen…

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 15.03.2010