Die Scheine des Schicksals

Die Scheine des Schicksals

Nichts beschäftigt Wiebke Brauer zur Zeit mehr als die Frage, wie viele Autos der Mensch braucht. Es kann nur einen geben? Oder eins für jede Jahrzeit? Was ist vernünftig? Spielt Vernunft überhaupt eine Rolle? Und was hat Kaugummi damit zu tun? Fragen über Fragen…

Vorab: Es gibt ja diese lustigen kleinen Dinger, die schüttelt man, nachdem man ihnen eine schicksalsschwere Frage gestellt hat. Erst sieht in einem kleinen Fenster kleine Blasen, die plobsen weg, dann erscheint entweder das Wort „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“. Neuerdings scheinen Menschen mich öfter mit einem dieser Dinger zu verwechseln. So schüttelte mich jüngst ein Mann an der Schulter und fragte: „Wiebke, sag mal, sollte ich mir diesen grünen Porsche kaufen?“
Wiebke plöbbte eine große Kaugummiblase weg, kratzte sich am Kopf und sagte dann: „Vielleicht.“

Nun ist „Vielleicht“ eine sehr unbefriedigende Antwort, deswegen uferte er danach über die fehlenden Mittel für den Kauf aus, den fehlenden Sinn, die drei bereits existierenden Autos und den fehlenden Abnehmer für den anderen Wagen, den er eigentlich nicht hergeben wolle… Und irgendwann folgte eine Eingebung. „Sag mal, gehe ich Dir mit dem Thema auf den Geist?“
Wiebke schüttelte den Kopf, ließ wieder eine Kaugummiblase wegblabsen und meinte dann:
„Nein.“

Natürlich existieren weit wichtigere Themen auf dieser Welt. Bahnhöfe, Kita-Plätze oder Atommüll zum Beispiel. Ja. Bedächtiges Schweigen… Ja. Gut, dass wir kurz darüber gesprochen haben.

Nun ist es so, dass die meisten Menschen, die ich treffe, sich neben den – siehe oben – ganz großen Fragen der Menschheit eben mit dem „Wie viele Scheine?“ herumplagen. Etwa eine Woche ist es her, da traf ich jemanden, der meinte die Antwort gefunden zu haben. Er war der Ansicht, man solle vier Autos besitzen, die man gleichmäßig fahren und hegen und pflegen könne. Quasi für jede Jahreszeit einen Wagen. Mir kam das sehr verständig vor, bis er etwa eine halbe Stunde später bemerkte: „Also, wie ich vorhin schon sagte, ich glaube, dass fünf eine gute Zahl ist. Man sollte unbedingt fünf Autos besitzen. Oder? “
Ich stockte daraufhin kurz, schlürfte lautstark meinen Milch-Shake und nickte zustimmend.
„Vielleicht.“

Das Aparte an dieser philosophischen Frage ist natürlich die fehlende Lösung. Muss jeder selbst wissen. Fragen Sie einen Sammler. Kommt immer drauf an. Wechselt auch von Zeit zu Zeit. Oder kurz: Es gibt keine Antwort, es kann keine Antwort geben. Und wie es das Schicksal will, brüte ich heute darüber, ob ich nicht dringend einen Lamborghini Countach LP 400 mit V12-Motor brauche, weil ihn keiner richtig aussprechen kann, einen Opel CD von 1969, weil es davon nur einen gibt, einen Monica, weil ich nicht wusste, dass motorisierte Monicen existieren, einen DeLorean, wieder einen Taunus, endlich den Mustang oder doch einen Cougar, sowieso den SLS, einen 911er, einen sehr kleinen orangefarbenen BMW und vielleicht noch einen Trecker sowie vier oder fünf Motorräder. Und brauche ich sie nun alle?

Ich schalte das Radio aus, weil Shakin’ Stevens läuft, spucke das Kaugummi in die Tonne und grunze kurz.
„Ja.“


Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 22.11.2010