Die Muschi-Märklin

Die Muschi-Märklin

Was ist schon pervers? Eigentlich nichts mehr auf dieser Welt, solange alle fröhlich sind. Doch angesichts des einen oder anderen erotischen Kalenders kann einem schon einmal die Lust vergehen. Wiebke Brauer über nackte Tatsachen auf blankem Papier.

Du denkst, Du hast alles gesehen. Du weißt, dass sich Menschen in ihren Hamster verlieben. Eine Beziehung mit ihrer Kaffeetasse führen, nicht mit irgendeinem Becher ohne Henkel, nein, mit ihrer Bärchentasse. Du weißt, dass Menschen Sex mit Lebensmitteln und sonstigen Gegenständen haben. Mit Gurken und Regenschirmen, Glühbirnen und Adventskerzen, mit allem, was höher als breit ist. Das erschreckt Dich nicht mehr, denn dazu bist Du schon ein bisschen zu lang auf dieser Welt und das Fernsehen schon zu lange privat.

Solange Menschen in den Park gehen, sich in einen Baum verknallen und ihr Glück in einem Astloch suchen – solange kommen sie nicht auf andere dumme Ideen. Das ist schon in Ordnung, denkst Du, Du bist ein toleranter Typ, schließlich liebst Du auch Dein Auto ein bisschen mehr als andere, Du redest heimlich mit ihm, fährst mit der Hand zärtlich über die Motorhaube und den Kotflügel. Pervers? Nein, das bin ich nicht, denkst Du und schlenderst davon.

Doch dann, an einem grauen und unscheinbaren Tag im November surfst Du über die Seiten des Internets. Du ahnst nichts Böses, suchst nichts Bestimmtes. Da entdeckst Du sie, die Kalender für das nächste Jahr. Immerhin neigt sich dieses dem Ende zu, es strömt wieder eine Vielzahl von neuen Produkten auf den Markt. Ach, denkst Du, kenne ich schon. Frauen an Landmaschinen. Frauen vor Mähdreschern und zwischen rasiermesserscharfen Sensenblättern. Frauen neben Kommunalmaschinen. Frauen vor Feuerwehr-Fahrzeugen mit riesigen Pumpen in ihren zarten Händen. Frauen mit Knarren im Anschlag, Frauen auf dem Acker, neben Schafen, auf Schafen, in rosiger Unterwäsche – die Frauen jetzt.

Du schnaufst erheitert auf, weil Du liest, dass sich Miss Januar aus dem Deutschen Bauernkalender 2012 sicher ist, dass ihre Teilnahme im Bauernkalender hilft, das Image der Bauern zu verbessern. Auf dem Foto sitzt Christina – so heißt sie – breitbeinig auf einer Holzbank. Das maisgelbe Haarband passt zu ihrem Schlüpfer, der lange und geflochtene Zopf ist sorgsam über den linken Nippel drapiert. In den Händen hält sie ein überdimensioniertes Kuh-Horn. Naja, denkst Du, warum nicht mal ein Horn. Der Fotograf Michael Steiner soll sich übrigens von großen Künstlern wie Ferdinand Hodler, Edgar Degas oder Vincent van Gogh inspiriert haben lassen. Ach so.

Dann entdeckst Du den erotischen Modelleisenbahnkalender 2009. Du blickst auf das Bild und kannst es nicht glauben. Auf dem Foto fährt eine kleine Modelleisenbahn zwischen zwei Bergen hindurch. Bahn zwischen Busen, das kanntest Du noch nicht. Du klickst auf das Titelblatt. Siehst eine Märklin-Dampflok, so wie Du sie früher selbst einmal besessen hast. Und diese Dampflok war gerade auf – sagen wir – Tunnelfahrt. Sie fährt aus einer Dame heraus, nicht hinein, wohlgemerkt. Du schüttelst den Kopf. Schienen im Genital? Das gehört sich nicht. Du beschließt in diesem Moment, dass es Zeit ist, mit Deinem Spielzeug-Torino zu spielen. So ganz ohne Hintergedanken. Nichts Sexuelles, nichts Objektophiles, einfach nur spielen.