Die Liebe meines Lebens

Die Liebe meines Lebens

Warum verknallt man sich in Autos – sind es die Gene, Sozialisierung, eine Fehlzündung im Gehirn? Oder nur eine vage Erinnerung an ein Spielzeugauto mit drei Reifen? Wiebke Brauer über die unstillbare Leidenschaft zum Automobil

Nä äähm. Nääääm, näääääähm. Eine kleine Hand schiebt ein dunkelblaues Auto über die Sofalehne. Nein, nicht einfach eine Sofalehne, unendliche Weiten einer Prärie wollen mit dem Fahrzeug bezwungen werden. Abschüsse lauern, steile Hänge und tiefe Schneisen werden mit voller Leistung durchkreuzt. Seltsame Texturen schütteln das kleine Auto, man rappelt über Cordbezüge, nimmt mit Anlauf ein Kissen, sinkt in den Treibsand, schafft es mit letzter Motorkraft wieder auf festen Boden. „Komm, Hände waschen“ ertönt es mit einem Mal aus einem anderen Universum. Die kleine Hand lässt das Auto stehen. Das Kind steht auf und geht.

Zurück bleibt ein abgeliebtes Spielzeug auf dem Fußboden des Wohnzimmers. Halb versunken in den Fransen eines weißen Flokati-Teppichs steht ein winziger Jaguar E-Type mit abgeblättertem Lack und drei Reifen. Der vierte Reifen wurde irgendwann mit Begeisterung abgepopelt, das Spiel hieß Reifenwechsel, doch irgendwie ging das gute Stück zwischen Playmobilpferden und Käthe-Kruse-Puppen flöten.

Warum beginnt man, Autos zu lieben? Vielleicht, weil die früheste Erinnerung darin besteht, auf vier Rädern durch diese neue Welt gekarrt zu werden. Muttern schob uns erst im Kinderwagen und dann im Buggy durch die Gegend, fremde Menschen glotzen auf den Insassen herab. Man fuhr durch Beine hindurch und an Hunden vorbei, den Blick, nun ja, auf Autohöhe.

Vielleicht ist es auch die blasse Erinnerung daran, Stunden und Stunden auf dem scheinbar unendlich geräumigen Rücksitz eines Wagens zu verbringen. Kinderzimmer? Ja, schön, aber die Rückbank bot andere Möglichkeiten der Entfaltung. Regentropfen zählen, die Landschaft vorbeiziehen sehen. Dabei Geschichten erspinnen von wüsten Freibeutern und mächtigen Superkräften. Den Schatten des Wagens beobachten. Wie die Kontur des Wagens sich im Wechsel zieht und zerrt, auf wundersame Weise verlängt, vertieft, verebbt und dann ganz verschwindet. Der Geruch des blassblauen Kissens, die weichen Kanten der herausziehbaren Mittelarmlehne. Das Gefühl, wenn der Magen sich umdreht, weil Geschwindigkeit gelernt werden muss. Der Blick nach vorn, da sitzen die Eltern, Muttern reicht gleich ein Butterbrot nach hinten, die Alufolie knastert verheißungsvoll. Eine große Hand liegt auf dem Lenkrad. Ganz bestimmt, mächtig und schwer und ruhig. Das wollte man. An dem Rad drehen, sich in der Materie fort bewegen, unaufhaltsam rollt die Karosse, wie durch Gedankenkraft. Das war Magie.

Die Zeit ist veronnen. Kein kleiner Jaguar mehr. Keine Sofa-Rallye, kein Händewaschen, kein Butterbrot, kein Kissen. Die Magie ist geblieben, die Hand ist nun meine.