Die letzte Ölung – Besuch beim Abwracker

Die letzte Ölung – Besuch beim Abwracker


Ursache und Wirkung

Vergessen Sie beim nächsten Besuch auf dem Schrottplatz die Bibel nicht – für die letzte Ölung bereifter Deliquenten genau so wie zur Untermauerung der eigenen Stoßgebete gen Auto-Himmel. Denn was sich hier abspielt ist teilweise haarsträubend, im Ganzen mindestens surreal.

Das Bild besitzt Symbolwert: Der Angriff von Ford ist zuviel für den Schwedenstahl. Ächzend erdrückt vom Massenmodell aus Köln duckt sich der alte Volvo 244 mit nunmehr verbeultem Dach an den Boden. Ansonsten nichts. Keine Delle, noch nicht mal der leiseste Ansatz dessen, was man auch nur annähernd Flugrost nennen könnte: Dieser 244 GL ist innen wie außen neuwertig. Nur dass sich die Limousine nicht mehr auf dem Asphalt der Straße befindet, sondern auf der Betonfläche eines Verwerters. Wenige Schritte weiter hat ein Ford Sierra seine letzte Fahrt beendet. 03-02-09 steht auf seinem Kurzzeitkennzeichen – die letzte vergeblich vereinbarte Probefahrt hat er hinter sich. Die erwähnten Nummern stehen senkrecht übereinander, fast so wie die Autos hier. „Wir werden seit zehn Tagen von Prämienautos überrollt“, sagt der Verwerter. Gestern waren es 120 Stück an einem Arbeitstag, heute sogar 190. Jetzt hat er sich zusätzlich zu seinen eigenen Gabelstaplern weitere gemietet, während mehrere zusätzliche Aushilfen im Akkord Fahrzeuge trocken legen.

Belastungsprobe: Schwedenstahl im Endstadium (Volvo 244 GL).

Road to nowhere: Diesen Sierra 2.0i CLX werden unsere Kinder noch nicht einmal mehr hässlich finden können!

Jahre des sorgsamen Umgangs, um gepflegt auf dem Schrott zu landen: Peugeot 306 Cabrio Pininfarina.

Rund 500 Reifen fallen täglich an, deren Demontage die Mitarbeiter nicht sofort schaffen. Auch das sonst hier übliche penible Aufstapeln nach Marken oder gar nach Modellen entfällt teilweise in dem Abwrack-Marathon. „Normalerweise liegen hier 2.300 Autos. Wir werden jetzt in einem ersten Schritt durch Verdichten und Querstapeln auf 3.000 erhöhen, dann schauen wir weiter.“  An das sortenreine Zerlegen der Altautos, eigentlich ein zentraler Gedanke der Hersteller und stark bemühter Marketingaspekt in der jüngeren Vergangenheit, ist eh nicht zu denken: Erbarmungslos quetscht die Presse alles klein und flach, was der Greifer ihr in den Rachen wirft: Mercedes W 126, Ford Fiesta, Golf III, Opel Omega, BMW E 30. Und alle mehr oder weniger komplett.

Der Greifer, hier einmal nicht in der Edgar-Wallace-Version. 

Sortenreines Zerlegen unmöglich: 500 Tonnen Materialmix in wenigen Tagen. 

Teileschwemme: Radios mit und ohne MP3 für jeweils unter zehn Euro. 

Die Blechfladen schleudert ein Bagger in die im Viertelstundentakt wechselnden Schrottcontainer. „Wir fahren gerade 500 Tonnen Stahlschrott ab, nächste Woche werden wir bereits wieder die gleiche Menge haben.“ Dabei bleibt jedoch nicht viel hängen: Der Stahlpreis ist zu weit gesunken. Ebenfalls wöchentlich muss inzwischen der Tank für das Altöl geleert werden. Wie lange dieser "Spuk" gehen wird: „Schätzungsweise noch zwei Monate, danach wird das abflauen."

Warten auf die Demontage: Mercedes 190 E, Peugeot 306 Cabrio, S-Klasse.

Der Schrottplatz wird dann jedoch ein ganz anderer sein: In sechs bis acht Wochen, schätzt der Verwerter, wird sich der Bestand auf seinem Areal einmal komplett erneuert haben. Und die Jungen verdrängen die Alten: Bereits jetzt klaffen empfindliche Lücken in den Reihen. E 36 statt E 30 wird man demnächst finden, keine alten E 28-BMW mehr, auch die E 23 und die letzten verbliebenen Mercedes /8, W 123 etc. dürften dann verschwunden sein. Bereits jetzt findet eine Konzentration in einer letzten Enklave des Schrottplatzes statt: Rover P6, Saab 96, B-Kadett und Renault 16 kauern sich mit ihren Altersgenossen in diesen vergessenen Winkel. Wie lange werden sie sich hier behaupten können? Schon jetzt ist es ein kleines Schrottmuseum.

Toter Winkel: Dicht gedrängte Klassik-Wracks.

Leerer Blick: Ro 80 im Dämmerzustand. 

Zeitdokument: Mercedes /8 Coupé. 

Einst mit V8-Power: Rover 3500 P6, nunmehr im fragmentarisierten Zustand.

Prestige oblige: Citroën CX und XM Break.

Bis sich der Abwracktrend erschöpft haben wird, werden aber auch viele der jetzt angelieferten Abwrackprämien-Autos zum größten Teil gepresst sein. Denn wer als Verwerter bereits zehn Opel-Astra-Hauben im Lager oder auf dem Platz liegen hat, stapelt sich nicht noch 50 weitere hin. Es wird genau geschaut, was aus welchem Wagentyp ausgebaut wird, bevor die Reste ihren letzten Weg antreten. Bis dahin werden sie weiterhin dicht gedrängt nebeneinander stehen, fast so wie eben mal kurz auf einem Supermarkt-Parkplatz abgestellt: Polo 6N, Clio, Golf IV TDI, Mégane, Espace, Zafira, Berlingo, 190 E, 325i E 36. Fast scheint es, als stünden sie noch etwas benommen da, als hätten sie noch nicht ganz begriffen, dass dieser Platz hier jetzt ihrer sein wird – jedenfalls noch eine Zeit lang.

Youngtimer-Apokalyptiker mögen aufatmen, dass sich unter den bisher rund 1.000 angelieferten Prämienfahrzeugen des besuchten Schrottplatzes lediglich fünf wirklich bedauernswerte Exemplare befanden. Allerdings bewirkt die plötzliche "Altwagen"-Schwemme einen räumlichen Druck auf die Fahrzeuge im Bestand, was zum Verschwinden der wirklichen Klassiker führt, die auch (oder gerade) im Tode noch schön sind – jedenfalls für uns: das leicht spinnerte Klientel der Autoliebhaber und -schrauber. 

"Der deutsche Jaguar XJ" tauften zeitgenössische Tester einst den BMW E 32. 

Schneeweißchen und Rosentod: Chrysler Saratoga 3.0 im Neuwagenzustand.

Ob man seine Träne nun für einen Astra, Escort, Golf III oder eine frühe C-Klasse vergießt oder doch eher bei Peugeot 306 Cabriolet, Mercedes W 126, Volvo 244 und Chrysler Saratoga – unabhängig vom individuellen Geschmack sind all dies die potenzielle Klassiker der Zukunft, denen die Möglichkeit genommen wird, innerhalb der sich verändernden Wahrnehmung des Betrachters zum Liebhaberstück zu reifen.

Darüber hinaus Zeuge des Irr-Sinns zu sein, wie vollkommen alltagstaugliche Fahrzeuge der Presse zugeführt werden – das ist das nächste Kapitel eines nur scheinbar surrealen Wirtschaftskrimis.

Fortsetzung folgt. 

Literatur für Schild-Bürger. 

(Fotos: Knut Simon)

Lesen Sie zum Thema auch: "Wracksausen – Die Demontage der Nachhaltigkeit".