Die Leder-Mieze

Die Leder-Mieze

Männer in Kitteln, teure Materialien, Arbeiten bis auf den Millimeter – Willkommen im Handwerksbetrieb! Wiebke Brauer fand sich in einer altmodischen Auto-Sattlerei wieder und ist seitdem schwer verliebt.

Es duftet. Es duftet nach Leder, nach frisch gegerbtem weichem Hirschleder, es duftet nach altem Chrom und frischen Bezügen. Es riecht nach Präzision und Liebe zum Detail, nach Lederfett und Lösungsmitteln, nach Kammgarn und Litze. Letzteres ist natürlich erstunken und erlogen, aber die Worte klingen so gut wie es roch.
Ich war in einer klassischen Autosattlerei, da ich einen Dreiangel in meinen Sitz gerissen hatte. Das kommt davon, wenn man sich mit metallbewehrten Rockergürteln in den SL wirft und sich ständig behaglich im seinem Sitz räkelt, weil man wahlweise sich oder seinen Wagen so scharf findet. Zack, Dreiangel, ein unschöner Riss in Höhe Lendenwirbel L5, aber am Rand.
Auf eine Empfehlung hin fuhr ich also zu der Sattlerei und betrat die heiligen Hallen. Hinten in der Ecke stand ein Rolls-Royce, in dem ich locker eine Einbauküche von Bauknecht hätte unterbringen können, weich geschwungene Kotflügel, ein Traum in hell- und dunkelgrau. Daneben ein Mercedes SL, meerschaumgrünes Leder zu schwarzem Lack, daneben ein schwarzer BMW Z1 mit roten Sitzen. Glaube ich zumindest, denn zu diesem Zeitpunkt war ich schon jenseits von Gut und Böse. Autos! Leder! Das Nirwana! Meine beiden Fetische in einem Raum vereint. (Wenn man von den Fetischen Stiefeln, Frikadellen meiner Mutter, ordentliche Schreibtische, Feuerwehrautos, Basilikum, Bücher, Filme und Arbeiten mal absieht. Aber Karosse plus Kuhhaut ist schon ganz weit vorn.)
Leicht benebelt besichtigte ich noch den ersten Stock, in dem unzählige Männer in Kitteln an Lederbahnen arbeiteten. Still war es, geschäftig, duftig und konzentriert. Jeder Handgriff schien zu sitzen, das Material ist kostbar, die Auftragslage gut. Ich fühlte mich in eine andere Zeit zurückversetzt, in der man die Laufmaschen in den Nylons noch aufmaschen ließ, anstatt sich neue Strümpfe zu kaufen. Eine Zeit, in der bestimmt nicht alles besser war, aber ich öfter Menschen dabei zusah, wie sie mit der Hand Dinge schafften, anstatt auf Vierecke zu glotzen.  
An meinen Nachhauseweg kann ich mich nicht mehr so richtig erinnern.
Als ich meinen geflickten Wagen wieder abholte, schlich ich noch mal um die Schmuckstücke und strich mit der Hand über die Oberflächen. „Wir haben hier gerade eine Stelle frei, wenn Sie wollen, können Sie ja hier anfangen,“ meinte der Chef zu mir. Er wusste gar nicht, wie knapp ich davor war, mich auf eine Lederbahn zu werfen und zu schreien: „Ja! Ich will ab sofort Autositze beziehen! Stellen Sie mich ein! Auch ohne Gehalt!“ Ich habe ihn dann nur angelächelt und geantwortet: „Ja, das wäre was, oder?“ Dann bin ich gefahren. Im Herbst wird er mich wieder sehen.