Die Körbchengröße der Kosmopolitin

Die Körbchengröße der Kosmopolitin

Sind nur deutsche Autos gute Autos? Natürlich nicht. Zwar fremdelt Wiebke Brauer mit allem, was sie nicht kennt – aber dafür liebt sie die unmöglichsten Fabrikate aus aller Herren Ländern. Unter gewissen Umständen.

Das Fremde ist mir Feind. Ich gebe es zu, ich bin xenophob, ich pflege meine Vorurteile besser als meine Freundschaften, ich nähre und vermehre sie. Das liegt zum einen an meiner Heimatstadt Hamburg, in die man mit der Ansicht hinein geboren wird, dass jede andere Stadt sowieso nur Behelf sei. Zum anderen liegt es an einer schwer erarbeiteten Arroganz, gezogen und erworben durch Unsicherheit, Aufenthalte im Baden-Württemberg, Weltschmerz, Pubertät, Tankwarte, die bei einer Ente Kühlwasser nachfüllen möchten – und was man sonst alles noch so dazu benötigt, um eine eingebildete Schrapnelle zu werden.

Unter dem Strich halte ich mich also für etwas Besseres und lebe nach dem Motto: Kenn’ ich nicht, mag ich nicht. Wenn wir Autos jetzt mal außen vor lassen. Denn seltsamerweise macht die strenge Gesinnung vor dem Automobil halt. Da bin ich plötzlich Kosmopolit, ganz aufgeschlossen und global, finde alles Internationale ganz famos. Nichts ist zum Beispiel aufregender, als im Ausland um seltsame Fahrzeuge herumzukriechen, die unbekannte Ausstattung zu befummeln, die prächtige Form des Auspuffrohrs zu bewundern, das Nummerschild anzustarren, die Inneneinrichtung, fremde Knöpfe, Hebel, Schaltungen. Allein die südamerikanischen Felgen bei diesem Dodge! Total cool! Hm. Seit wann stehe ich auf aztekisches Design? Egal.

Habe ich jemals zu einem japanischen Fahrzeug „Reiskocher“ gesagt? Daran kann ich mich nicht entsinnen. Und habe ich jemals behauptet, dass der Italiener an sich noch nie eine Autoheizung bauen konnte? Öhm, das weiß ich jetzt gar nicht mehr. Aber wenn wir schon dabei sind: Warum sieht heute jedes französische Auto wie ein Baguette aus, kann mir das mal jemand erklären? Früher haben die herrliche Autos gebaut, die Diane und den Peugeot 504. Und heute? Schrippen-Design. Kein Wunder, dass die Franzosen immer ihre Karren zerdellen. Dann hat sich die Formsprache eh erledigt. Und zu den Amerikanern fällt mir nur eins ein: Land of Matiz and Hummer.

Aber böte mir jemand an, in einen alten oder neuen Dodge oder Mustang zu steigen, in einen Nissan GT-R oder Alfa Romeo 8C Competizione – da atme ich mir Körbchengröße C, rüsch’ mir die Haare schön und bekomme Plüschaugen mit Winkewimpern. Politische Überzeugungen, emanzipatorische Prinzipien, Lokalpatriotismus und Meinungstreue? Alles eine Frage des Hubraums. Da bin ich ganz konsequent.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 02.08.2010