Die Felge des Menschen ist unantastbar

Die Felge des Menschen ist unantastbar

Manchmal wünscht man sich ein anderes Leben. Oder einen anderen Beruf. Wiebke Brauer blätterte durch die Abteilung Cars&Girls und spielte mit dem Gedanken, ein richtiges Tuning-Luder zu werden. Mit mäßigem Erfolg.

Manchmal wäre ich gerne Daniela Katzenberger. Nun fragt sich der geneigte Leser, wer um Himmels Willen denn Daniela Katzenberger sein mag. Nun, Daniela Katzenbergers Lebensaufgabe und Vollzeitbeschäftigung besteht in der Bestrebung, dass sie gerne auf das Cover des Playboys möchte. Und in gewisse Hartz-IV-Sendungen und den D&W-Tuningkalender hat sie es bereits geschafft. Oder anders gesagt: Daniela Katzenberger ist Gina-Lisa Lohfink ist Kader Loth ist – ist auch egal. Eigentlich sind diese Damen, die um jeden Preis berühmt werden wollen, nicht der Rede wert. Aber manchmal ist der Gedanke zu verführerisch, sich einfach die Klamotten vom Leib zu reißen, seinen bloßen Hintern gegen einen getunten Jetta zu bappen, belangloses Zeug zu plappern und damit Geld zu verdienen. Und als ich neulich durch Anthologien wie den Werkstattkultur-Kalender von Stahlgruber oder besagten D&W-Tuningkalender blätterte, entspann sich in mir ein Zwiegespräch…

Seele eins in meiner Brust: „Kuck mal, bei der Rothaarigen da sieht man sogar noch die Schweißnaht unter den gemachten Äppeln. Das ist doch nicht schön.“

Seele zwei in meiner Brust: „Aber dafür hängt da nichts. Total praktisch, wenn Du Plastiktüten hast, brauchst Du keinen Push-up mehr und musst Dir nie wieder Gedanken über Schwerkraft machen. Das ist wie frisch gestärkte Wäsche.“

Seele eins: „Ach ne, ich weiß nicht. Und was hat die Dani denn da im Bauchnabel? Das kenne ich nur von Motorhauben. Das ist doch ein Haubenhalter!“

Seele zwei: „Nein, das glitzert funktionslos, das finden Frauen sexy.“

Seele eins: „Ah ja. Muss ich mir jetzt, wenn ich auf einen Tuningkalender will, erst die Augenbrauen abrasieren und dann einen Haubenhalter in die Plauze dübeln?

Seele zwei: „Jetzt tu mal nicht so, ob dein Leben als Multifunktions-Emanze so viel einfacher sei.“

Seele eins: „Jetzt fehlt nur noch der Satz: Du willst es doch auch.“

Seele zwei: „...“ (Nicht druckbar, weil zu frauenfeindlich.)

Seele eins: „Pfffft. Kuck mal die da. Das ist Miss November aus dem Stahlgruber-Kalender. Die hat sich statt eines Pullis ein Rouladennetz übergezogen und kniet vor einem Typen. Der hat vor lauter Begeisterung vergessen, sich anzuziehen und hält sich deswegen eine Stahlfelge vor sein Gemächt – und sie poliert seine Felge auf Knien. Da soll mir noch mal einer sagen, dass die Würde des Menschen unantastbar sei.“

Seele zwei: „Sei doch froh, dass sie die Felge und nicht sein Gemächt poliert. Sagt er sich wahrscheinlich auch gerade, der arme Mann. Außerdem hättest Du auch selbst gern so eine für die Chromteile.“

Seele eins: „Aber dann muss sie nackt putzen. Die Mädels zerkratzen mir mit ihren Pfennigabsätzen und langen Fingernägeln den Lack.“

Seele zwei: „Und mir Sexismus vorwerfen. Aus dir wird einfach nie ein Tuning-Girl – selbst wenn wir zwanzig Jahre und Kilo abziehen. Erstens denkst Du zuviel über Schweißnähte und Rouladen auf Knien nach. Zweitens kommst Du mit Menschenwürde und Pragmatik. Das zahlt sich nicht aus.“

Seele eins: „Auch wieder wahr. Aus mir wird nie was Unanständiges. Darauf ein Bier, du Schizo.“

Seele zwei: „Selber.“

Seele eins und zwei: „Jo. Prost.“

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 26.04.2010