Die Achse des Bösen

Die Achse des Bösen

Auf der einen Seite stehen Familienkutschen und Einkaufswagen, auf der Hutablage nicken Wackeldackel. Auf der anderen Seite steht die Gewalt, Autobomben explodieren, Staatskarossen werden gesprengt. Die Geschichte des Kraftfahrzeugs war nicht immer friedlich. Wiebke Brauer nimmt heute das Thema Auto und Attentat ins Visier.

Ein dunkelblauer Lincoln Continental X-100, Baujahr 1961. Ein Cabriolet, das später zur Limousine umgebaut wurde, voll gepanzert. Heute steht der Wagen im Henry-Ford-Museum in Dearborn bei Detroit und ist das meistfotografierte und meistberührte Ausstellungsstück. Der Grund dafür: Am 22. November 1963 wurde John F. Kennedy darin erschossen. Wobei ich die Tatsache, dass noch vier weitere Präsidenten darin durch die Gegend kutschierten, weitaus morbider finde als den Wunsch, den Lincoln zu berühren.

Was würde man heute denken, wenn man auf dem gleichen Platz säße wie einst Kennedy? Vielleicht sinniert man einen Moment lang über die Geschichte von Bluttaten und Automobilen. In der Vergangenheit finden sich einige unheilvolle Verquickungen. Ich selbst sehe als erstes den Mercedes von Herrhausen vor mir. Eine gepanzerte S-Klasse aus der 126-Baureihe gerät 1989 in eine Sprengfalle, Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, kommt in dem Wagen um. Eigentümlicherweise haben mich die offenen Türen immer am meisten an dem Bild beunruhigt. Vielleicht, weil sich ein Auto mitten auf der Straße mit weit geöffnetem Schlag nicht gehört. Es ist wider die Ordnung.
Nun könnte man in diesem Kontext auch über das Papamobil nachdenken, weiß, gläsern und kastig. Ein Fahrzeug vom Mond mit einer unablässig winkenden Figur darin – wie aus einer Batteriewerbung entsprungen. Ein weißes Duracell-Päbstchen.

Was fahren Pontifexe eigentlich? Johannes Paul II. gondelte 1999 bei seinem Mexiko-Besuch in einem Cadillac DeVille durch die Gegend. Dann rollte noch ein Fiat Campagnola mit Allradantrieb in päbstlicher Mission. Und ein Seat Marbella bei einem Spanien-Besuch 1982. Ob es eigentlich sakral-automobile Freaks gibt, die diese ganzen Daten auswendig wissen, Jahreszahlen und Automarken? Wahrscheinlich schon. Aber das sind auch diejenigen, die diese kleinen Altare zuhause haben, beklebt mit bekritzelten Zeitungsausschnitten und unfassbar eng beschriebenen Blättern, Fotos von Leuten mit weggekratzten Augen und so – kennt man ja. Und vor denen hütet man sich besser. Vor allem als Pabst.

Ach ja, Pontifex. Ansonsten fährt das kirchliche Oberhaupt streng Mercedes-Benz. Papst Pius XI. saß 1930 in einem Mercedes-Benz Typ Nürburg 460, dreißig Jahre später schob sich ein 300 d Landaulet durch die religiös verzückten Massen. Natürlich wurde der Radstand um 45 Zentimeter verlängert. Maximale Länge für den Maximus. Und der Anschlag auf Johannes Paul II. im Mai 1981 wurde verübt, als er in einem 230 G durch die Mengen fuhr. Der schneewittcheneske Glas-Sarg wurde erst danach dauerhaft über den weißen Geländewagen gestülpt.

Autobomben, Selbstmördertüren, Lena, Öl, Amokfahrten, Israel. Ich muss sofort zu meinem SL, die neue Lederpolitur ausprobieren und danach sorgfältig die Autotür ins Schloss fallen lassen. Ein tiefer, satter Klang, Frieden. So stellt man eine kleine Weltordnung wieder her.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 07 .06.2010