Der Wagen, den ich nie fuhr

Der Wagen, den ich nie fuhr

Das Leben ist zu kurz für schlechte Autos! Aber manchmal scheint es auch zu kurz für gute Autos zu sein. Wiebke Brauer fragt sich, wie alt sie noch werden muss, bis es endlich mit gewissen Traumwagen klappt.

Ich war so kurz davor. So kurz. (Autorin hebt die Hand und hält Zeigefinger und Daumen zwei Millimeter dicht zusammen.) Aber nein, es sollte nicht sein. Ich hätte nämlich einen Ferrari fahren können. Ja, spackig, rot, schnell, Schumi, Schampus, dicke Dinger. Ferrari eben. Aber ich bin auch nur ein – ähm, also… Ja, ich bin manchmal eben auch nur ein Mann.
Ganz östrogenig wiederum hatte ich mir schon überlegt, was ich zum Auto anziehe. Natürlich etwas Grünes, damit ich einen maximal-komplementären Eindruck mache. Die Chance hatte sich mir auf einer beruflichen Tour ergeben. Manchmal liebe ich meinen Job – und das war so ein Moment. Selbst, als ich erfuhr, dass man die ganze Fahrzeit einen komischen italienischen Kerl neben sich sitzen hat, fand ich es noch toll. Nicht so toll fand ich, dass ich als Normalsterblicher 250 Tacken dafür bezahlt hätte. Für, und bitte jetzt festhalten – 15 Minuten. FÜNFZEHN MINUTEN FÜR ZWEIHUNDERFÜNFZIG EURO. Andererseits: Ja und? Zweihundertfünfzig für ein Erlebnis, womit man ein Leben lang angeben kann, finde ich gut angelegt. Ich hatte natürlich schon überall herumerzählt, ich würde einen fahren. Und jetzt? Ne, doch nicht, hat nicht geklappt. Sehr uncool.
Die genaue Typenbeschreibung des Ferraris fand ich auch lässig. Sie lautete: „Rot.“ Ach so! Das ist natürlich so präzise, das hätte von mir sein können. Inzwischen will ich es auch gar nicht mehr genau wissen, denn es wurde ja nichts. Der Grund:
Weil sich nicht genug Interessenten gefunden hatten.

Ich war die einzige, die Ferrari fahren wollte.
(Autorin schluchzt einmal leise auf.)

Ich wollte einfach mal drinsitzen und ihn zehnmal hintereinander abwürgen. Damit ich einfach für den Rest meines Lebens sagen kann: „Hab’ ich schon.“ Jedes Mal, wenn das Thema auf diese komischen Autos kommt, wollte ich nur die Augenbrauen leicht heben und leise lächeln. Muss man ja nicht dazusagen, wie lange man am Steuer saß.
Stattdessen wird die Liste der Wagen, die ich nie fuhr, immer länger. Gut, ich fuhr zweimal Mustang. Aber niemals einen 1968 Fastback. Ich fuhr niemals einen DeLorean. Keinen 300 SL mit Flügeltüren, keinen Dodge, keinen Jensen, keinen Rolls, keine ISO Grifo. Keinen Panamera, keinen Maserati. Obwohl ich schon in Hamburgs feinem Stadtteil Eppendorf verschiedenen Maserati-Fahrern Plüschaugen machte. Aber irgendwie haben die mich immer falsch verstanden.
So, und jetzt eins noch. Mein Tränen-Turbo:
Ich hätte den Ferrari in Monaco fahren können.

P.S. Mitleidsbekundungen werden gerne entgegen genommen.

Autor: Wiebke Brauer