Der Traum vom Scheunenfund

Der Traum vom Scheunenfund

Da steht er, vergessen, erhalten, wie neu. Der Wagen aus der Vergangenheit, der nur auf uns gewartet hat. Dummerweise hat Wiebke Brauer bisher noch keinen kostbaren Oldtimer entdeckt. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt

Wahrscheinlich ist das der feuchteste Traum eines jeden Oldtimer-Liebhabers: Der Vater des Nachbarn von den Krauses hat gehört… „Welcher Krause?“ „Ist doch egal, also da in der Scheune von Milchbauer Petersen steht ja dieser olle Wagen von früher.“ Ob man nicht Lust hätte, sich den anzusehen, der Petersen braucht den Raum – und zwar fix. Sonst fragt er Spoiler-Jürgi aus Brunsbüttel, der hat doch auch so einen Auto-Tick. Schneller hat man sich noch nie bewegt. Ab ans Telefon, auf die Autobahn, Gas geben, ankommen, Petersen suchen, Petersen finden, Hand schütteln, hinter ihm her quer über den Hof. Rein in die Halle. Der olle Wagen von früher steht ganz hinten in der Ecke. Atmen nicht vergessen. Er ist abgedeckt, ein geducktes Tier unter einer schweren dunkelblauen Plane, darunter vielleicht eine Kostbarkeit, eine Rostlaube, ein Abenteuer, Fortune, Ruin, man weiß es nicht, der Hals pulsiert wie eine Bassbox, Nasenwurzel und Knöchel an den Fingern werden milchweiß vor Anspannung. Der Petersen lehnt ganz pittoresk auf einer Mistgabel, kratzt sich am unrasierten Kinn, rückt den zerdrückten Hut zurecht und murmelt irgendetwas ungemein Ursprüngliches wie: „Nimm bloß mit, die Scheiße.“ Einen Schritt auf die Plane zugehen, einen Zipfel sachte zwischen zwei Finger nehmen und ziehen. Langsam gleitet das schwere Material vom Metall…DÖNGELÖNGELÖNGGÖNG Es ist Freitag, der vierzehnte Januar, acht Uhr eins, hier sind die Nachrichten aus Hamburg, Deutschland und der Welt mit Ilka Brauner…
Schade. Schade. Schade. Miste. Es ist einfach nicht mein Schicksal, irgendwie passiert es immer nur anderen. Der Scheunenfund ist mir in diesem Leben so vergönnt wie der Lottogewinn mit monatlicher Sofortrente, Arkadien und Elysium. Meine Autos standen nicht wie vergessene Juwelen im Dunkel, sondern einfach zum Verkauf. Und meine rustikalen Petersens wussten sehr genau, was die Kiste wert ist, schacherten mit mir um jede Unterlegscheibe, lehnten nicht auf Mistgabeln und kratzten kein Kinn.
Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Wahrscheinlich ist mein Scheunenfund noch gar nicht gebaut. Oder er läuft gerade vom Band. In dreißig Jahren werde ich ihn finden. Den Porsche Panamera, ganz hinten in der Ecke. Und Agrar-Consultant Petersen wird zu mir sagen: „Nimm mit, die Scheiße.“
I want to believe.