Der kriegt sein Fett weg

Der kriegt sein Fett weg

Frauen haben Angst vor Fett. Aber manche Frauen haben noch mehr Angst vor Rost. Aus diesem Grund entschloss sich Wiebke Brauer, ihren heiß geliebten Wagen einer schmierigen Kur zu unterziehen.

Die Hecktraverse rostet. Die Türdichtung ist unterrostet. Der Schweller links vorne könnte besser aussehen. Spritleitung. Bremsleitung. Zunächst kroch der nette Herr um den Wagen herum, nun begutachtet er ihn von unten und untersucht jeden Zentimeter. Ich überlege, ob ich mir einfach die Finger in die Ohren stecke und „Brumm Brumm Brummdibrumm“ singe. Doch ich habe es so gewollt. Ich bin zu alt dafür, dass alle zwei Jahre jemand mit einem Schraubenzieher in mein Fahrzeug piekt, „Der Schweller ist rott“ oder „Guck mal, das Loch da“ sagt und damit das Todesurteil über meinen Wagen verhängt. Ich bin auch zu alt dafür, Blubberblasen im Lack geflissentlich zu übersehen und Fimo in die schartigen Krater zu propfen, die der Rost in das Metall gefressen hat. Dazu kommt: Je älter man wird, desto teurer werden einem die Fahrzeuge. In jeglicher Hinsicht.

Aus diesem Grunde fuhr ich zu einer gewissen freundlichen Firma namens TimeMAX in Hamburgs Osten, die sich auf Korrosionsschutz spezialisiert hat und die in Oldtimerkreisen recht gut bekannt ist. Über eines war ich mir von vorn herein im Klaren: Es wird horrend teuer, leicht wahnsinnig, wie immer, wenn es um alte Autos geht, sicherlich schmerzhaft – und danach fühle ich mich hoffentlich besser.

Als erstes erfolgt eine Außendiagnose des Lacks mit einem Schichtstärken-Messgerät. Wo wurde gepfuscht? Wie oft wurde nachlackiert, wie dick ist der Spachtel unter dem Lack? Danach wird der Wagen von oben bis unten untersucht – mit bloßem Auge und mit einem Endoskop, das sich in die dunkelsten Hohlräume meines Autos schiebt. Ich weiß, dass endlos viele Menschen vor mir in der gleichen Situation die gleichen Sätze von sich gegeben haben. Wie der leicht blasse Besitzer des Bitter-Coupés, den ich dabei beobachte, wie er angesichts der rostigen Offenbarungen noch etwas bleicher wird. „Ich dachte, es wäre nicht so schlimm“ sagt man. Oder: „Ich dachte, er wäre besser in Schuss.“ Ja, dachte, schmachte.

Der nächste Schritt: Trockeneisstrahlen. Ich beiße auf die Zähne und nicke verständig. Sinnvoll. Weil man wissen will, welche Rostsschäden sich unter dem Dreck und dem Unterbodenschutz befinden – und weil man mit einem Hochdruckreiniger nur Wasser in die Hohlräume drückt. Beim Trockeneisstrahlen bleiben Blech, Lack und Gummis unbeschädigt. Danach: Schweißen. „In zwei Jahren wären es fünf Stunden Schweißarbeit, jetzt ist es eine“ erklärt mir Horst Gütlich, Karosseriebaumeister. Das sehe ich ein. Der letzte Schritt: Die Fettbehandlung. Gerd Cordes, Chef der Firma, führt seit Jahren einen persönlichen Krieg gegen den Rost. Wie das Ganze angefangen hat? Mit einem blauen Fiat 850 Spider, den Cordes als 18jähriger Mechanikerlehrling kaufte. Was folgte, waren zahllose Rostschutz-Versuche mit erhitzten Fetten. Zwanzig Jahre lang kämpfte Gerd Cordes mit Fett gegen den Rost. Ich kämpfte derweil mit Diäten gegen das Fett. Das Ergebnis beider Bemühungen: Fett gewinnt.

Damit der Kunde weiß, was alles mit seinem Wagen durchexerziert wird, fotografiert und dokumentiert man bei TimeMAX jeden Arbeitsschritt. Schließlich wird die Kiste nach der ganzen Prozedur genauso aussehen wie vorher – das schmälert das Glückserlebnis beim Bezahlen und Abholen erheblich. Alle Fotos werden auf CD gebrannt und mir in die Hand gedrückt. Damit ich mir zuhause noch einmal den ganzen Verfall ansehen kann. Vielleicht werfe ich mich gleich im Wohnzimmer heulend auf den Boden. Vielleicht bin ich aber nur erleichtert. Dieser eine schwarze Wagen ist es mir wert.

Mehr Informationen unter www.timemax.de