Der Klassenfeind im Matiz

Der Klassenfeind im Matiz

Wer einen Oldtimer fährt, wird oft angesprochen. Von Rentnern, die den Wagen auch mal fuhren, von einsamen Herzen und manchmal von Kaufinteressenten. Wiebke Brauer über eine Begegnung der etwas anderen Art.

Eine Sache will mir nicht aus dem Kopf, dabei liegt das Ereignis schon etwas über zwei Monate zurück. Ich stand an der Ampel, die Sonne schien zur Abwechslung einmal, das Verdeck war offen, und die Gedanken flatterten frei. Plötzlich spürte ich einen Blick auf mir, von der Seite. Kennt man inzwischen. Manchmal ignoriert man es, manchmal blickt man hinüber und sieht in ein interessiertes Gesicht. Dann kommt mit neunzigprozentiger Sicherheit: „Hatte ich auch mal.“ Oder: „Schöner Wagen. Ist das Ihrer?“ In den letzten Jahren war ich von diesem Satz teilweise so enerviert, dass ich eine Standardantwort zurück schoss: „Nein, ich bin nur die Geliebte eines Greises und muss perverse Sachen tun, um seinen Wagen fahren zu dürfen.“ Wird ein Mann jemals gefragt, ob der 380er SL ihm gehört? Kaum. Wie dem auch sei, in diesem speziellen Moment sah ich herüber. Es kam aber keine Frage. Es war auch nicht der übliche Bewunderer, Rentner, Teppichhändler oder was auch immer. Es war eine etwas dickliche Hausfrau in einem roten Chevrolet Matiz. Und diese Hausfrau grinste einkaufswagenbreit und hielt einen Daumen hoch. Diese Person war mein inkarniertes Feindbild. Ein bisschen aus der Form geraten, eine Frau, die wahrscheinlich mit Kohlsuppendiäten gegen ihr vermeintliches Übergewicht ankämpft, akribisch Kochrezepte sammelt und ihrem Mann abends Schweinenacken auftischt. Gab es bei „real“ im Angebot. Wahrscheinlich ging sie zum Yoga, aber meistens nicht, sie mochte zarte Lippenstiftfarben. Sie blätterte durch Adelsblätter, sammelte Plüsch-Pinguine und Leonardo-Gläser in Glasvitrinen, hörte gern Unheilig. Sie war alles, was ich nicht sein wollte. Meine Klassenfeindin.

Und diese Klassenfeindin hielt den Daumen hoch und freute sich über den Schlitten, in dem eine arrogante Großstadt-Schlumpe saß, die meinte, sie hätte die Emanzipation erfunden, weil sie ihr Körnerbrot bei Biosupermärkten kauft, irgendwann einmal Simone de Beauvoir gelesen hatte, Chucks trägt, im Bleistiftrock Luftfilter wechseln kann und einen V8-Motor unter der Haube hat. Mein Weltbild geriet ins Wanken. Nur für eine Sekunde, wohlgemerkt. Dann grinste ich 20zollbreit zurück.

Ich habe mich über diese Sympathiebekundung mehr gefreut als über jeden Petrolkopf, der mich in den letzten Jahren ansabbelte. Und lernte dabei: Unterschätze nie die Hausfrau im Matiz. Manchmal ist sie cooler als Du selbst.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 01.08.2011