Das Scheckheft des Lebens

Das Scheckheft des Lebens

War das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Jahr? Rechnet man in Schweinegrippe-Fällen, in Klimagipfeln – oder vielleicht einfach in glücklichen Kilometern? Wiebke Brauer wirft einen Blick in den Rückspiegel.

Ach, lasst mich doch in Ruhe. Kann man nicht einmal unpolitisch sein? Einmal unintelligent, bräsig und stumpf? Kann man. Und deswegen blicke ich zurück auf 2009 und kann zufrieden sein.
Dafür muss ich erst die ungefähr zehn arbeitslosen Freunde, den wohl gescheiterten Klimagipfel, drei Kotflügel und zwei Stoßstangen – und die fünf kaputten Beziehungen um mich herum von meiner Jahresbilanz abziehen. Natürlich könnte ich über meine persönlichen Pleiten der letzten zwölf Monate jammern. Über die Schuhe, die ich für teures Geld kaufte und nie wieder anziehe. Den ganzen Gin, den ich vertilgt habe. Und mein Karma! Ich werde bestimmt als Chevrolet Matiz wiedergeboren – so schlecht benahm ich mich.
Aber egal. Denn die Autos stimmten dieses Jahr.
Ich fuhr nämlich einen total übermotorisierten Mini – und erlag wie immer dem Autoscooter-Charme dieser Kisten. Ich fuhr einen zum Verrücktwerden schönen Porsche, ein 928er mit dunkelgrüner Flokati-Ausstattung. Ich durfte einen Cayenne steuern, der inzwischen nicht mehr lebt, weil die Diebe den Wagen in Brand setzten. Ich bin mit einem Audi durch Monaco gekurvt und mit einem Peugeot durch Freiburg. Ach, und das Brennstoffzellengefährt von Nissan darf ich nicht vergessen. Und der Tatra, das war groß. Im wahrsten Sinne.
Dazu kommen noch meine eigenen Kisten. Ich blicke zurück auf die Touren mit dem Motorrad, dem SL und dem Coupé. Ich bin wirklich ein Glückspilz, nein, ich bin so eine verdammte mit Blattgold überzogene Glückstrüffel, dass ich diese Fahrzeuge besitze. Ich quiekte heimlich, wenn ich den Schlüssel drehte und sie zündeten. Ich schnaufte zufrieden, wenn Sie auf der Landstraße schnurren, Mittelstreifen zogen an mir vorbei, Zähler drehten sich, Meilen wurden abgerissen, meine Gedanken wurden so gerade wie die Strecke vor mir, das Leben schien einfach, schier asphaltiert und übersichtlich. Ich tupfte nachdenklich und innerlich geglättet die Karossen ab, wenn sie wieder leise tickend in der Garage standen und einen guten Job gemacht hatten. Das Leben war gut zu mir.
Wenn die Welt um mich herum im Chaos versinkt, wenn sich um mich herum Menschen anschreien, Pläne wie trockenes Laub verwehen, Ziele wie Sand durch die Finger rinnen, Träume wie mürbes Tuch reißen – und ich wahrscheinlich in 2009 so viele Fehler gemacht habe wie Liter Benzin verbraucht – dann weiß ich zumindest, dass ich in diesem Jahr eins richtig gemacht habe. Ich fuhr Auto.