Das Märchen von der Motorradsitzbank

Das Märchen von der Motorradsitzbank

Manche Menschen kaufen sich ein neues Fahrzeug. Andere versuchen, alte Schätze zu bewahren, zu pflegen und zu restaurieren. Und dann gibt es noch Menschen wie Wiebke Brauer, die auszog, um eine Sitzbank zu beziehen – und dabei das Fürchten lernte.

Es war einmal eine Prinzessin. Nein, war gar keine Prinzessin, nicht einmal eine schnöde Gräfin – sondern einfach eine freundliche Person im besten Alter. Sie liebte Menschen und Motoren, Motoren manchmal ein bisschen mehr, und alle ihre Fahrzeuge waren ihr sehr zugetan. Und es begab sich zu einer Zeit, dass diese freundliche Person im besten Alter von einem zuvorkommenden Herrn eine Motorradsitzbank geschenkt bekam. „Bitte sehr!“ sagte der zuvorkommende Herr lächelnd. „Die hatte ich noch herumliegen. Sie müssen das Ding einfach neu beziehen lassen. „Ach ja, und den Unterbau einmal mit der Stahlbürste abschrubben und neu lackieren.“ Wie einfach das klang! Da freute sich die Beschenkte sehr und bedankte sich artig. Denn ihre eigene Sitzbank, die sie einst selbst bezogen hatte, sah schon sehr durchgesessen und abgeliebt aus, runtergeschrubbelt, abgenutzt und verottert. „Fein!“ sagte sie sich, „da gehe ich jetzt zur Sattlerei meines Vertrauens, lass das Ding neu beziehen – und schon sieht mein Motorrad ganz wunderfein aus.“ Gesagt, getan, hin zum Sattler, der freute sich auch. „Kein Problem“, meinte er. „Das machen wir jetzt aber ordentlich. Der Unterbau muss gestrahlt werden. Und dann zum Lackierer.“ Da sackten die Mundwinkel der freundlichen Person im besten Alter etwas herunter, denn das klang schon nicht mehr ganz so einfach. „Okay“, sagte sie sich, „wenn man etwas anfängt, muss man es auch zu Ende führen.“ Man einigte sich auf einen moderaten Preis, besprach die Details, über die man sich vorher überhaupt keine Gedanken gemacht hatte – Glattleder? Raues Leder? Steppnähte? Gelbe Sterne und rote Blitze? Nein! Schlicht! – und zog von dannen.

Ein paar Tage später fuhr die freundliche Person im besten Alter wieder zum , um den Unterbau der Sitzbank abzuholen – und bekam beim Anblick des Metallstücks einen mächtigen Schreck. „Das ist ja nur noch Rost!“ entfuhr es ihr. „Ja nu“, meinte der Sattler, „das muss jetzt noch geschweißt werden. Das muss jetzt also zum Feinstrahlen, zum Schweißen, zum Lackieren, ich gebe Ihnen da mal ein paar Adressen – und dann wieder zu mir. Aber der Bezug ist schon fertig. Wollen Sie mal sehen?“ So hatte sich die freundliche Person im besten Alter das nicht vorgestellt. „Aber was man beginnt, muss man auch zu Ende führen“ sagte sie sich. Inzwischen hat die freundliche Person im besten Alter zwei Betriebe für Feinstrahl- und Metalltechnik besucht und wurde von einer gewissen Harley-Werkstatt mächtig von oben herab behandelt, was sie noch immer sehr persönlich nimmt. Sie hat einen sehr netten und ehrlichen Herrn bei „Route 66“ in der Kieler Straße getroffen und etwa dreizehn Mal die Sätze: „Das ist ja nur noch Schrott“ und „Kauf Dir doch ’ne Neue“ gehört. Aber die freundliche Person im besten Alter gibt nicht auf, obwohl sie sich langsam vor der Sitzbank fürchtet. Aber was man beginnt, muss man auch zu Ende führen.

Und wenn sie nicht gestorben ist, versucht sie immer noch, die geschenkte Sitzbank wieder in Schuss zu bekommen. Fortsetzung folgt.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 06.06.2011