Das Glück liegt auf der Straße

Das Glück liegt auf der Straße

Manche wünschen sich Weltfrieden, willige Weiber oder ewigen Urlaub. Andere freuen sich über sehr kleine und kurze Momente. Wiebke Brauer über den Augenblick, wenn sich zwei Autoliebhaber begegnen. 

Es gibt sie, diese perfekten Momente. Selten sind sie, Kleinode im Universum. Du fährst auf der Autobahn, Du hast die Musik gerade ausgemacht, weil das Geräusch des Windes und der Sound der Straße Dir ausreicht. Der Motor läuft ruhig, ein Fuß liegt auf dem Gas, den anderen hast Du leicht angezogen. Du könntest beschleunigen, aber Du musst es nicht. Manchmal versuchen andere Verkehrsteilnehmer, Dich auszubremsen. Andere glotzen rüber oder versuchen Dich zu hetzen, weil sie einen belanglosen Mittelklassewagen fahren und im Grunde ihres Herzens unglücklich darüber sind. Das weißt Du natürlich, deswegen lässt Du Dich nicht aus der Ruhe bringen. An manchen Tagen nennst Du es Coolness, an anderen hast Du gar keine Bezeichnung für diese Ausgeglichenheit in Dir. Du weißt, dass sie irgendetwas mit Deinem Wagen zu tun hat – und dass Du ohne ihn für andere und für Dich selbst schwerer zu ertragen wärst.    Du blickst auf die Mittelstreifen, die Dir entgegeneilen, Du blickst auf den Horizont und entdeckst auf einmal eine ungewöhnliche Silhouette. Du weißt sofort, dass es sich um ein interessantes Fahrzeug handelt. Dieser Umriss ist anders als die anderen in der Ferne, es ist kein Golf, kein Audi, kein Subaru. Deine Neugier ist geweckt und Du kneifst die Augen leicht zusammen. Weil Du weißt, dass Du ihn einholen wirst, beschleunigst Du nicht, Du näherst Dich einfach immer weiter, den Blick fest auf die fremde Form gerichtet.   Irgendwann fängst Du an zu überlegen, was für ein Oldtimer es sein könnte. Es ist ein Sportwagen, sehr flach, sehr klein, rundere Linien. Könnte ein Alfa sein. Ein Engländer, nein, das kommt nicht hin. All Deine Gedanken sind mit dem Auto in der Ferne beschäftigt, man kreist um ihn wie eine Wespe um ein Honigbrot – Du gehst alle möglichen Fahrzeugtypen durch. Die letzten Stunden hast Du keinen einzigen interessanten Wagen gesehen, alles war neu und grau und silbrig und glatt und genormt. Aber der hier, der ist so wie Du. Es ist einer von Deinem Planeten, er tickt wie Du. Und Du näherst Dich ihm.   Irgendwann siehst Du, dass er rot ist, ein rotes Cabriolet mit einem Fahrer darin, er fährt offen. Unwillkürlich wirst Du schneller, weil Du das Auto genau betrachten willst. Du erkennst plötzlich, dass es doch ein Engländer ist, ein E-Type, hätte man doch gleich sehen können. Der Fahrer ist ein älterer Herr, sein weißes Haar flattert im Wind, der Wagen ist unglaublich gut in Schuss, viel besser als Deine Kiste, sein Chrom glitzert in der Sonne, keine Fliege klebt daran, kein Fleck trübt den Schimmer. Du fährst gleichauf mit ihm und blickst hinüber. Er blickt kurz zurück und sein Lächeln vertieft sich einen Millimeter. Du lächelst zurück. In dieser Sekunde besteht die Welt nur aus Euch beiden. Zwei Unbekannte auf dem Asphalt, kleine Sonnen reflektieren auf dem Lack, die Kühler auf gleicher Höhe, zwei Fremde, ein Kosmos – ein kleiner perfekter Moment des vollkommenen Glücks. Du gibst Gas und ziehst weiter, bis der andere Wagen im Rückspiegel verschwindet. Du horchst wieder auf den Wind und den Motor – und alles ist gut.