Das Glas-Erbe

Das Glas-Erbe


Familienporträt

Niederbayern ist Glas-Land. Die kleine Automarke prägt die Region um Dingolfing bis heute und berührt inzwischen die dritte Generation.

Franz-Xaver Erber saß neben seiner Tochter und hatte ein kleines mulmiges Gefühl. Nicht dass er seiner Tochter auf dem Fahrersitz misstraut hätte, er hätte sie ja nicht ans Steuer lassen brauchen. Aber seine Kinder auszuschließen wäre witzlos gewesen, schließlich hat er den Glas Isar wegen der Kinder gekauft.
Franz-Xaver Erber hatte das mulmige Gefühl auch nicht wegen der Tochter. Er hätte es bei jedem anderen gehabt, selbst mit Walter Röhrl am Steuer. Es kann nämlich richtig was schiefgehen beim Isarfahren. Wenn man beim Schalten nicht genau aufpasst was die rechte Hand macht und halbkonzentriert vom dritten in den zweiten Gang zurückschaltet, dann gibts Bruch im Getriebe. Das liegt daran, dass man dann nicht vom dritten in den zweiten, sondern vom vierten in den ersten geschaltet hat.

Isars Schaltschema steht Kopf. Der erste liegt links hinten, der zweite links vorn. Franz-Xaver Erber hat das schnell drauf gehabt, er ist vom Goggo umgestiegen, und da liegt das Schaltschema quer: erster links vorn, zweiter rechts vorn ... sowas weiß man im Isartal.

Elf intensive Jahre 

Hier gibt’s viel Himmel, die Isar schlägelt sich durch eine weite Ebene, Bayern ist anderswo lieblicher. Wer von München kommend auf der A92 ostwärts hastet, sieht ein Stück hinter Landshut rechter Hand die Industrieanlagen, die sich so mächtig über einem Städtchen auftürmen, dass sie es fast überwältigen. In dem Komplex baut BMW die Fünfer, das Städtchen heißt Dingolfing. Der Reisende findet das alles nicht sehr attraktiv und strebt weiter – und verpasst damit doch etwas Besonderes. Das aber erschließt sich nur, wenn man im Isartal verweilt. Das Land rund um Dingolfing birgt das Erbe der Familie Glas.


1955 kam das Goggomobil auf den Markt, 1966 kaufte BMW das Glas-Werk. Elf kurze Jahre lang wirbelte Glas die Region auf, ein kleines Kraftpaket von enormem kreativen Output. Glas füllte Dingolfing aus und schickte schöne Autos in die Welt. Die Glas-Mitarbeiter fühlten sich schon damals wie David im Dauerkampf gegen Goliath, das schweißt zusammen – weit über die Zeit hinaus, als das Kraftpaket seine Energien erschöpft hatte. BMW ist der neue Brötchengeber, aber die Herzen der Niederbayern hängen an Glas.

Die Glas- Geschichte ist dramatisch, sie endet traurig, das lässt sich wunderbar den Kindern erzählen. Außerdem ist sie wahr. Glas steckt in Fotoalben und Familien- geschichten, beim Spaziergang findet man Spuren der Marke: Da schau, in dem Haus hat Hans Glas damals angefangen, da drin hat auch dein Opa gearbeitet. Und herausgekommen ist sowas Schönes wie unser Isar.

Franz-Xaver Erber wohnt in Pilsting, 15 km von Dingolfing entfernt. In Pilsting liegen die Wurzeln des Hauses Glas. Firmensenior Hans Glas ist hier aufgewachsen, hier stand das erste Glas-Werk, in dem Franz-Xaver Erbers Vater noch arbeiten ging. Er war ein echter "Glaserer", was das Wort für originale Werksangehörige ist, in Niederbayern eine Auszeichnung.

Hier gehört ein Glas zum Leben 

Erber selbst ist kein Glaserer, aber er hat in einer Glas-Werkstatt Kfz-Mechaniker gelernt. "Mein Vater hat sich 1959 ein Goggomobil gekauft, und so eins hab ich mir dann dreißig Jahre später wieder geholt. Das gehört halt dazu. Damals hatten die Kinder noch Platz hinten, aber als sie da rauswuchsen, brauchte ich ein größeres Auto." Da bot sich der Isar an, der zwischen dem Goggomobil und den erwachsenen Glas der Sechziger oft vergessen wird.
Wo die private Familiengeschichte so dicht mit der lokalen Industriegeschichte verflochten ist, muss man sich keine Gedanken darüber machen, ob sich die Kinder später mal für alte Autos interessieren. Ein Glas gehört zum Leben wie die Dorflinde.

Darum lässt es sich einfacher vermitteln, dass man einen Oldtimer anders behandeln muss als einen Neuwagen: "Pass auf den Ölstand auf. Wenn das Öl im Motor nicht auf Maximum steht und man bergauf oder eine scharfe Kurve fährt, geht die Ölwarnleuchte an. Das heißt, dass vielleicht manche Teile nicht geschmiert werden, und das gibt dann böse Schäden. Außerdem ist der Motor nicht so sehr drehfreudig, und er hat nur 20 PS. Da musst du immer ein bisschen hinhören, das spürst du schon, ob sich der Motor anstrengen muss oder leicht geht, und was die optimale Drehzahl ist."

Familiengeschichte zum Anfassen

Die Tochter macht ihre Sache gut. Sie hat schnell begriffen, dass man einen Isar ganz anders fahren muss als alles, was man heute so beim Händler an der Ausfallsstraße bekommt. Anschaulicher geht es nicht: In diesem schmalen Lenkradkranz, in diesem seltsamen Schaltschema, im Schnattern des Borxermotors steckt die Familiengeschichte.

Und die hat gute Chancen auf Fortführung: Eines Tages werden Franz-Xaver Erbers Enkel auf dem Rücksitz eines Glas herumfahren und der Geschichte der Familie Glas und ihrer Autos lauschen, während vorn der Zweizylinder-Boxer schnattert.

Autor: Till Schauen