Das Filmopfer

Das Filmopfer

Manchmal läuft der Abspann eines Films, man steht auf und vergisst, was man gerade gesehen hat. Und manchmal geht man in seine Garage, möchte sich in sein Auto setzen und schweigen. Wiebke Brauer über den US-Thriller „Drive“

„Wenn ich für sie fahre, nennen Sie mir die Uhrzeit und den Ort. Ich gebe ihnen ein Zeitfenster von fünf Minuten. Egal, was in diesen fünf Minuten passiert – ich gehöre ihnen. Ich mache nicht mit, wenn sie das Ding drehen. Ich trage keine Waffe. Ich fahre.“ Ein paar Szenen später sitzt der Mann, der diese Worte gesagt hat, in einem unauffälligen silbernen Chevrolet Impala, stellt seine Uhr und wartet. Die Uhr tickt leise, keine Miene regt sich in seinem Gesicht. Der Film heißt „Drive“, der Fahrer hat keinen Namen, keine Vergangenheit – und bald einen Haufen Ärger.

Angelaufen ist der Film des dänischen Filmemachers Nicolas Winding Refn am 26. Januar, am 29. Juni kam die deutsche DVD auf den Markt. Viele Menschen halten die Verfilmung von James Sallis Roman für fulminanten Schwachsinn mit einer dünnen wie vorhersehbaren Handlung. Andere würden ihn in die gleiche Kategorie stecken wie „Vanishing Point“, „Driver“ oder „Bullit“ – ein Film mit Kultstatus eben. „Drive“ ist nicht unbedingt ein Autofilm, dafür müssten es mehr Verfolgungsszenen sein – aber doch ein Film Noir über das Autofahren und die Stille der Straße bei Nacht. „Drive“ macht seltsame Dinge mit einem. Man verfolgt gebannt die Geschichte des Mannes, der tagsüber als Mechaniker und Stuntfahrer arbeitet und nachts seine Dienste als Fluchtfahrer für Diebstähle und Raubüberfälle anbietet. Der Mann findet nur in seinem Auto Ruhe, dort verschmilzt er mit der Maschine und den Straßen von Los Angeles. Reden ist seine Sache nicht, meist schweigt er vor sich hin – oder lächelt still. Sein eigener Wagen ist ein Chevrolet Chevelle Malibu von 1973, zumindest wenn man Hauptdarsteller Ryan Gosling glauben will, der den Chevelle jetzt besitzen soll. Irgendwann lernt er seine Nachbarin Irene und ihren kleinen Sohn Benicio kennen, weil ihr Honda Acura einen Motorschaden hat – was auch sonst. Und wie es bei diesen Filmen immer so ist: Frauen machen nichts als Ärger, sie bringen den Fahrer aus der Ruhe, er verliert seine Präzision und sein Timing, und meistens am Ende sein Leben. Auch Irene schleppt einen Haufen Probleme an. Erst versucht er, ihr aus dem Weg zu gehen, dann verbringen die beiden immer mehr Zeit zusammen. Man lächelt sich an, minutenlang, macht Ausfahrten. Nach kurzer Zeit wird ihr Ehemann aus dem Gefängnis entlassen. Der schuldet einem anderen Gangster Schutzgeld, weswegen er zusammengeschlagen wird. Schnell folgt die Drohung, dass als nächstes Irene und Benicio an der Reihe sind – und schon kommt der Driver ins Spiel.

„Drive“ ist nichts für zarte Gemüter. Man muss einen Sinn für elegante Brutalität haben, um es schätzen zu können, wie der Fahrer mit Irene und einem Killer in der Fahrstuhlkabine steht, sie mit einer geschmeidigen Armbewegung hinter sich schiebt und dem Killer dann den Schädel bis zum Boden durchtritt. Man muss die pinkfarbenen Schriftzüge und Synthie-Pop im Film mögen, überstilisierte Bilder und die Stille. Aber wenn das der Fall ist – dann schwebt man hinterher in seine Garage, überlegt, dass man mal wieder Bananarama und Jean Michel Jarre hören müsste, obwohl man damit längst abgeschlossen hatte. Man möchte eine helle Satinjacke mit einem gestickten Skorpion tragen. Und man möchte schweigen.


„Drive“. USA 2011. Regie: Nicolas Winding Refn; Drehbuch: Hossein Amini und James Sallis (Roman); Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Albert Brooks, Ron Perlman; Universum Film, 13,99 Euro

Das Buch „Drive“ von James Sallis ist bei Heyne erschienen und kostet 7,99 Euro.