Das Extra - dein Feind

Das Extra - dein Feind


Schlachtbank

Was für ein Traum von einem Auto. Servolenkung, Colorglas, Zentralverriegelung, Leder sowieso, Mittelarmlehne, Kopfstützen hinten, Klima, heizbare Heckscheibe, elektrisches Schiebedach, elektrische Fensterheber, elektrische Sitzverstellung, elektrische Spiegelverstellung.

Und die Krönung: ein originales Becker Acapulco! Ultraselten!

Ein Trauerspiel.

Ja, im Ernst: Sonderausstattungen machen nicht glücklich, im Gegenteil. Meistens machen sie ihren Besitzer vor allem unglücklich. Die Schönheit einer Fensterkurbel liegt darin, dass sie das Fenster auch öffnet, wenn die Batterie leer ist.

Extras sind überbewertet. Sie steigern den Preis eines Autos und senken seine Nutzbarkeit. Je mehr Extras man im Auto hat, desto größer ist die Gefahr, dass sie Schäden entwickeln oder verursachen, weshalb man dick gepolsterte Nerven und Brieftaschen braucht, wenn man ein voll ausgestattetes Auto auch mal fahren will. Andererseits muss man es fahren, denn die schönen Sonderausstattungen kann man nur genießen, wenn man sie benutzt – wenn ein Auto nur unter dicken Tüchern schlummert, braucht es keinen Tempomat.

Schiebedach-Horror 

Schiebedächer zum Beispiel sind zwar allemal besser als Cabrioverdecke, aber wenn man nicht aufpasst, zerstören sie einem das Auto. Die Ablaufkanäle für Regenwasser verstopfen gern mal - wenn es beim Bremsen über dem Scheitel schwappt, sollte man dringend was unternehmen. Manche Autos sind nur wegen ihres Schiebedachs verrottet, egal ob gewartet oder nicht: Die hinteren Schiebedachabläufe des Ford Granada I etwa münden nicht unter den Endspitzen, wo es sinnvoll wäre, sondern in der Kabinenentlüftung in der C-Säule. Mit dem eingesparten Meter Gummischlauch hat Ford/Köln einer halben Generation von Granada-Besitzern völlig neue Abgründe des Horrors aufgetan. Denn die Kabinenentlüftung verstopft noch schneller als die Ablaufleitung selbst. Dort steht das Wasser, sickert unter die Heckscheibe und zerfrisst erst die C-Säule und anschließend den ganzen Heckscheibenbereich von innen.

Auch bestens geeignet um die Kundschaft zu entnerven: Zentralverriegelungen. Die Variante mit elektrisch betätigten Schlössern ist noch pflegeleicht. Die Elektro-Stellmotoren zicken zwar gerne mal rum bei feuchtem Klima im Türkörper, wie es durch verstopfte Abflüsse und schwache Abstreifgummis entsteht. Aber erst die Unterdruckvariante, von Daimler-Benz lange   verwendet, zeigt dem Schrauber den Weg in die Vorhölle. Wehe, wehe, wenn die verzweigte Unterdruckanlage (immerhin sind sechs Schlösser und mindestens ein Reservoir vom Motor aus zu versorgen) irgendwo undicht wird. Das verzweigte System verläuft im Verborgenen – und natürlich findet man das Leck erst, wenn man die gesamte Innenausstattung samt Dämmung rausgerissen hat.

Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt

Daimler-Benz vermag seine Fans auch mit der an sich sinnvollen Option einer Niveauregulierung zu beglücken. Sobald die nicht mehr frisch ist, sackt das Wagenheck in Richtung Unfahrbarkeit. Eine Reparatur ohne Hebebühne und erweiterte Schrauberkenntnisse sei nur Selbstmordwilligen empfohlen. Selbst wenn die Niveauregulierung funktioniert, aber ein Motorwechsel fällig wird, sollte man darauf achten, dass man den richtigen Zylinderkopf einbaut – einen mit der Aufnahme für die Hydraulikpumpe nämlich. Andernfalls hebt der Mercedes seinen Hintern nicht vom Boden.

Andere Extras können einem auf Wecker gehen, ohne dass sie gleich das Auto unfahrbar machen. Leder als Sitzbezug zum Beispiel ist absolut überbewertet: im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt – nur wer selten fährt, kann Leder ernsthaft toll finden. Möglichst wenig zu fahren ist auch die beste Methode, aufgescheuerte oder eingerissene Lederflächen zu vermeiden. Lederpflege zählt halt zu den Dingen, die allgemein so ernst genommen werden wie den Gartenzaun streichen.

Lauter Unfug - bis auf ein Extra, und das will keiner 

Und so geht es munter weiter. Alufelgen? Oh je … ein Feld der Tränen, ein Garten der Geschmacksverirrungen und   Verschlimmbesserungen. Klimaanlage? Wundervoll: drangvolle Enge im Motorraum, zehn PS Leistungsverlust, schleichende Leckagen, überalterte und umweltschädliche Kühlmittel, Filter die nicht filtern sondern Keime schleudern. Gesundheit!

Sitzheizung? Bei Lederpolstern unabdingbar – aber wehe, sie heizt eines Tages nicht mehr: Der Sattler freut sich schon. Anhängerkupplung? Schon den nächsten Differential- und Kupplungswechsel vorbereitet? Tempomat? Besonders tückisch. Man rechne damit, dass die Steuerungselektronik früher oder später ihren eigenen Willen entwickelt – und dann in den unpassendsten Momenten Vollgas gibt. Colorverglasung? Wenn der Glaser nirgendwo eine Ersatzscheibe im passenden Farbton auftreiben kann, sind alle Scheiben fällig, sofern das Auto nicht dastehen soll wie ein buntscheckiger Harlekin.

Ein wirklich sinnvolles Extra gibt es – aber ausgerechnet das gilt gemeinhin als wertmindernd: ein Automatikgetriebe. Dazu ein andermal mehr. Bis dahin sei an dieser Stelle eins empfohlen: karge Buchhalterkutschen. Denen muss man nicht ständig hinterherfeudeln, -polieren, -prüfen, -fummeln, die muss man nicht ständig schonen und betütteln. Die kann man einfach nur fahren.

Dieser Artikel erschien am 25.04.2008