Das Böse hat einen Namen

Wie, Herbst?! Eben war es doch noch warm – oder zumindest wärmer. Wiebke Brauer fürchtet sich vor der dunklen Jahreszeit. Mit Recht.

Das Böse hat einen Namen, und es heißt: Öffentliche Verkehrsmittel. Bus. Bahn. Nein, das Böse heißt Saisonende. Es heißt Schnee und Graupel und Streusalz. Wie auch immer es heißt, ich liege nachts wach und habe Angst. Angst vor uncoolen Autos mit total uncoolen Winterreifen. Vor Menschen, die mit mir Bus fahren. Ich habe Angst vor kratzigen Schals und tropfenden Stiefeln. Vor langen Wochenenden, an denen ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll. Andere Menschen freuen sich auf den Winter. Sie finden es gemütlich, im Dunkeln zu sitzen und zünden Kerzen an. Andere Frauen beginnen sogar, Kekse zu backen. Liegt mir nicht so, es sei denn, ich befinde mich gerade mal wieder in meiner pyromanen Phase oder denke, man könnte ja auch mal prima Kohlekompretten selbst machen. Ich könnte Kastanienmännchen basteln. Vielleicht auch Figuren aus flachen Steinen zusammenkleben und mit Filzi bemalen. Oder mir eine Strickliesl zulegen und enorm lange Wollwürste produzieren, mit denen ich dann im Frühjahr meinen Wagen dekoriere. Machen wir es kurz: Ich könnte mich auch bis März einweisen lassen.
Und wer ist schuld an meiner Herbstdepression? Mein Bruder. Schickt mir doch per Mail das Gedicht von Rilke mit den aufbauenden Zeilen „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß“  Spätestens bei „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“ habe ich angefangen, nach einem passenden Strick Ausschau zu halten. Ja, und wer jetzt kein Cabrio mehr fährt, wird es auch lange lassen. Das beste Stück wird in das Dunkel geschoben, das Motorrad eingemottet, die Batterie entfernt, so dass im Herzen der alten BMW eine gähnende Leere klafft, Decken drüber, Klappe zu.
Ich habe mich natürlich sofort an meinem Bruder gerächt. Ich habe ihm ein sehr sehr trauriges Lied von Hildegard Knef geschickt: „Es wird Herbst da draußen – und in mir.“ Man hört es und denkt sofort, dass so eine Jungfernfahrt mit der Titanic auch keine schlechte Lösung wäre. Jetzt ist mein Bruder auch nicht mehr fröhlich. Er ist übrigens Segler.