Das Böse

Das Böse

Andere Menschen kämpfen gegen ihre persönliche Wirtschaftskrise, gegen Umweltverschmutzung oder für den Weltfrieden. Wiebke Brauer hat nur einen Feind: Den Wischer.

Das Schauspiel beginnt.

Sie sind lang, schmal und schwarz. Sie bestehen aus Metall und Gummi. Sie sind ein genialer Einfall gegen die Naturgewalten, bewegen sich synchron, sind ein Team – und meine persönlichen Feinde. Ich habe ein massives Problem mit Scheibenwischern. Ich weiß, es gibt drängende Probleme auf dieser Welt, ich sollte „Krise“ schreien wie alle anderen oder zumindest in meinem Kämmerchen die Konserven zählen, weil jetzt wirklich WIRKLICH schlechte Zeiten kommen. Tue ich aber nicht, weil ich erstens ein Freund von Übersprungshandlungen bin, zweitens keine Konserven in meinem Kämmerchen stehen – und drittens haben es diese Biester auf mich abgesehen.

Drama, Prolog.

Die Beschaffung ist einfach. Schnell sind sie gekauft, ganz harmlos liegen sie in ihrer Verpackung, still und neu. „Wir wischen für Dich“, säuseln sie aus ihrer Behausung. „Wir machen Dir den Weg frei, und Du wirst so klar sehen wie nie zuvor.“ Da freut man sich, denn der Mensch vergisst schnell – und wuselt in die Garage, um den Wagen mit den frischen Wischern zu beglücken. Drama, erster Akt. Schere ist natürlich sonst wo, Cutter liegt im anderen Auto, also müssen die Zähne ran. Nach einer zehnminütigen Beißarie sind die Wischer befreit und wiegen leicht in der Hand.
Ich möchte an dieser Stelle das Inferno der Installation überspringen. Oder nur andeuten.

Drama, zweiter Akt.

Ja, ich brauchte eine halbe Stunde. Nein, ich bin nicht stumpf im Hirn, meine Allgemeinbildung ist ordentlich und ich würde sogar sagen, manchmal bin ich ganz schnell im Kopf. Aber es scheint nicht für den Scheibenwischer zu reichen, denn was der Komiker Jerry Lewis einst mit dem Liegestuhl veranstaltete, kann ich locker mit den Wischern überbieten. Falsch herum einsetzen. Das Prinzip nicht raffen. Wo muss das einrasten? Weiß nicht, auch egal. Eine feuchte Strähne aus der Stirn wischen. Was ist das für ein schwarzes Plastikding, brauche ich das auch? Natürlich würde es mir nicht im Traum einfallen, einen Mann um Hilfe zu bitten. Selbst ist die Frau. Vielleicht ist das die heimliche Rache der Emanzipation. Denn es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet eine gewisse Mary Anderson den  Scheibenwischer erfand. 1903 meldete sie in den USA das Patent an. 2009 bin ich zu bräsig, um ihre fabelhafte Idee zu benutzen.


Das Drama hat ein Ende.

Das Haar ist wirr, die Hände blutig, das Gesicht glänzt. Irgendwann habe ich sie befestigt, ich steige in den Wagen, fahre los, ich war gut. Es fängt an zu regnen. „Hey“, denke ich. „Wie exorbitant cool, dass ich jetzt gerade neue Wischer habe.“ Ich drehe am Hebel, es wischt, ich finde mich doch nicht so unbegabt und auch ein bisschen geil. Alle Mühen vergessen. Dann kommt das Geräusch. Drama, letzter Akt.
„SPOOOINNNNKKKKKK. Schrunk. Schrunk Schrunk“. Der Wischer hat sich gelöst, ich habe sie mal wieder nicht einrasten lassen, jetzt schrunkt er träge im Takt. Eine sechsspurige Straße, ich stehe im Regen auf der linken Spur, hinter mir fangen Männer an zu hupen, ich lächle um Verzeihung heischend und versuche, den Wischer wieder zu positionieren. Wüsste ich es nicht besser, ich würde meinen, ich hätte gerade ein leises Kichern vernommen.
Das Böse hat wieder gesiegt.

Der Vorhang fällt.

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