Chromjuwelen: Skylark und Firearrow

Chromjuwelen: Skylark und Firearrow

Das Leben ist grau, trist und öd. Nicht immer – aber immer dann, wenn man die Automobile betrachtet, welche in den letzten fünf Jahren vom Band liefen. Zum Glück hat Wiebke Brauer diese Woche einen Bildband mit Fahrzeugen aus einer Ära gefunden, als das Design noch ein bisschen bunter und schriller war.

Stellen wir uns vor, wir stehen im Stau. Das Leben im Stau ist sehr langweilig, also blicken wir aus dem Fenster, um etwas zu entdecken, was das Dasein ein bisschen interessanter gestaltet. Wir sehen schwarze Audis und weiße Transporter. Einen silbernen Mercedes. Einen silbernen Ford. Oh, ein silberner BMW. Und dahinter ein schwarzer Opel. Ne, das ist gar kein Opel, den hat man jetzt verwechselt, ist auch egal. Da ist ein Franzose. Vielleicht auch ein Japaner.

Seien wir ehrlich, wer nach Farbenpracht und Designfreude im Straßenverkehr sucht, kann sich gleich am Rückspiegel erhängen. Es ist ein Trauerspiel in silbergrau und silberschwarz und silbersilber. Da trifft es sich gut, auf der Rückbank einen Bildband liegen zu haben, mit dem man sich amüsieren kann, anstatt in monochromen Trübsinn zu verfallen. Der Bildband heißt „Chrom-Juwelen“, feiner Name schon mal. Unterzeile: „Die schönsten Autos 1946-1960“, fotografiert von Michael Furman, 180 Farbfotos, erschienen bei Delius Klasing, 49,90 Euro. Soweit die bibliographischen Details. Und was sehen wir, wenn wir uns durch das 264 Seiten starke Werk arbeiten? Crazy Shit sehen wir! Und alles twice at size! Man blättert eine Seite auf, entdeckt ein Studebaker Commander Cabriolet in meerschaumgrün – und mutiert zum Frotteur. Schon möchte man sich auf ihn werfen und sich an den schwungvollen Chromlinien schubbern. Auf der nächsten Seite einen Buick Skylark von 54 in babyblau mit aufgerissenen Scheinwerfern und einem Kühlergrill, bei dem jeder Hai vor Neid vergilben würde. Man entdeckt Autos mit verrückten Namen wie Chevrolet Bel Air Impala, Cadillac Eldorado Seville, Ford Crown Victoria Skyliner oder Dodge Firearrow. Dazwischen blickt man kurz auf, weil Bewegung in den Stau gekommen ist und man drei Meter vorfahren kann. Ein A1 fädelt sich ein. Auch das noch. Schnell vertieft man sich wieder in das Buch. Ja, die unfassbar teuren und seltenen Fahrzeuge sind alle im Studio fotografiert worden und sehen aus, als hätte der Foto-Assi sie persönlich abgeleckt. (Hat er wahrscheinlich auch.) Wer also Schmutz und echte Geschichten liebt, sollte eher in seine Werkstatt fahren und sich eine Runde in W-40 wälzen und den Finger in den Auspuff stecken.

Und nein, früher war nicht alles besser. Wir mussten kratzige Wollstrumpfhosen tragen und Ovomaltine oder Lebertran saufen, im Fernsehen lief auch nur Blödsinn, und so toll war die politische Situation auch damals nicht. Aber die Autos, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden – die machen aus heutiger Sicht schon Spaß. Mutige sechs Meter und zwei Tonnen Leergewicht, klebrig-süßliche Pastellfarben und drogenschwangere Typenbezeichnungen, Weltraumträume, Formen-Tourette, ungebrochener Optimismus, amerikanische Siegerkisten, alles ging, alles war erlaubt.

Oops, der Hintermann hupt. Buch kommt wieder nach hinten auf die Bank – und schon geht die Fahrt weiter.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 14.03.2011