Autos von Mercedes-Benz: Leidenschaft im Schongang

Autos von Mercedes-Benz: Leidenschaft im Schongang


Kolumne

Manche Leute  finden es aufregend, einen Mercedes-Benz zu fahren. Welch seltsames Missverständnis ...

Ein alter Mercedes-Benz ist ein Quell der Freude, ob man ihn fährt oder dran schraubt. Er geht einem nicht auf den Wecker mit widersinnig angeordneten Aggregaten und mühsam erreichbaren Teilen. Die Daimler-Ingenieure haben schon bei der Konstruktionsarbeit an die Mechaniker in der Werkstatt gedacht.

Und das Fahren erst: Die Tür fällt so satt ins Schloss als säße man in einem Tresor, dezent abgeschirmt von den Unbillen der Welt. Auch wenn der Wagen langsam losrollt, fühlt er sich tresorhaft an, wie liebevoll aus einem massiven Block geschnitzt, besser kann man sich nicht aufgehoben fühlen. Außerdem ist er sparsam, perfekt verarbeitet, problemlos mit Ersatzteilen zu versorgen. Ein alter Mercedes-Benz hat viele Qualitäten.

Nur aufregend – das ist er nicht.           

Ein Citroen will völlig eigene Wege gehen und seine Insassen in weichem Schwung mitnehmen. Ein Triumph will zeigen, wie gut es sich ohne Luxus und Raffinement auskommen lässt. Ein Alfa Romeo singt von der Schönheit des Lebens, man darf es ihm nur nicht übel nehmen, wenn er hin und wieder indisponiert ist.

Nie indisponiert 

Ein Mercedes-Benz ist nie indisponiert. Er würde nie auf die Idee kommen, seinem Besitzer irgendetwas zuzumuten. Ein Mercedes ist weder Freund noch Liebschaft - er ist ein Butler, der genau um die Qualität und Unersetzlichkeit seiner Dienste weiß und trotzdem kein Aufhebens darum macht.

Das soll nicht heißen, dass man keine Leidenschaft für die Marke empfinden kann. Im Gegenteil. Mercedes-Benz kann eine lang andauernde Glut entfachen – vorausgesetzt, man beschäftigt sich eine Weile mit diesen Autos. Dann erst begreift man diese einzigartige Mischung, die ihnen zugrunde liegt: gereifte Überlegung als Basis, nicht gespart an der Ausführung, in jeder Hinsicht logisch konstruiert.

Die Leidenschaft für Mercedes ist darum immer ein bisschen kühl. Sie ist die Leidenschaft eines Ingenieurs – logisch und quantifizierbar. Sie schöpft sich aus dem Intellekt, aus Denken und Klarheit. Sie schöpft sich nicht aus Leiden, nicht aus gemeinsam durchschrittenen Tiefpunkten, aus Pannen und Krächen. Wenn man ein bisschen auf ihn aufpasst, kennt ein Mercedes-Benz weder Leiden noch Tiefpunkte, keine Pannen oder Kräche. Er geht einem nicht auf den Wecker, das ist sein Wesen. Es hat zur Folge, dass viele Mercedes-Fans nicht recht verstehen, warum man sich für andere Marken begeistert und damit so viele Unannehmlichkeiten in Kauf nimmt. Der Mercedes ist das beste Auto der Welt, warum bitte sollte man etwas anderes fahren?

Auf der Suche nach dem leidenschaftlichen Mercedes 

Außerdem: Es gab doch jede Menge leidenschaftliche Mercedes-Benz, man muss nicht lange nachdenken. Wie ist es mit diesen: der SSK, der Flügeltür-SL und der gewaltige Sechsneun, gewiss alle voll Leidenschaft. Oder?

Ganz gewiss kann man dem SSK nicht absprechen, dass er aufregend ist - ein Auto wie ein Sommergewitter. Doch danach wird es dünn. Der Flügeltürer bleibt bei aller mythischen Überhöhung ein kühles Auto: Er ist hart, zupackend und innen schlecht belüftet, aber immer konkret und solide, frei von Launen. Sein Nimbus schöpft sich aus technischer Brillanz (Gitterrohrrahmen, Direkteinspritzung), einer eindrucksvollen Renngeschichte und explodierten Preisen.

Der 450SEL 6.9 ist sogar vollständig leidenschaftslos. Der uninformierte Betrachter steht vor dem enormen Motor und denkt an gewalttätige Ausbrüche, wie man sie von kruden US-Hubraummonstern kennt. Kompletter Blödsinn, völligster Holzweg. Wenn man drinsitzt, tut der Sechsneun alles, um sich selbst zurückzunehmen. Was auch sonst – es war der Sinn des Sechneun, dass er eben nicht aufregend ist. Die erlauchten Erstbesitzer hatten in der Außenwelt genug um die Ohren, sie brauchten Aufregung nicht auch noch beim Autofahren. Der Sechsneun bringt seine Insassen auf angenehmste, zuverlässigste, stillste Weise ans Ziel.

Sturzlangweilig 

Der Sechsneun ist deswegen ein sturzlangweiliges Auto. Erst wenn man eintaucht in die technischen Details der Konstruktion, sich einlässt darauf, wie Daimler-Benz Leidenschaft interpretierte, entdeckt man das Kunstwerk im Sechsneun. Den Sechsneun nämlich zeichnet aus, dass er kann, was heute jede Limousine der gehobenen Mittelklasse drauf hat – nur dass er es schon vor 30 Jahren konnte und vollanalog. Das ist eine gigantische Leistung – die aber nur ein Ingenieur richtig zu schätzen weiß.

Der Sechsneun besitzt diese Mercedes-Qualität in höchster Ausprägung. Die Grundidee der Vernunft, der Logik, der Zurückhaltung, findet sich bei allen Mercedes-Benz, wenn auch mit leicht veränderten Akzenten: in Richtung Wirtschaftlichkeit verschoben bei den günstigeren Baureihen, in Richtung Eleganz bei den Cabrios. Hauptsache, es wird nicht aufregend. Das ist das zentrale Anliegen aller Mercedes-Benz.

Für Abenteuer sind andere zuständig.