Automatikfahren

Automatikfahren


Schlachtbank

Nur handgeschaltetes Autofahren echtes Fahren, weiß doch jeder. Völlig richtig! Und die Erde ist flach und im Wald lauert der große böse Wolf.

Wie wundervoll ist doch das Autofahren! Noch schöner gar ist das sportliche Fahren, wenn man mit allen Fasern des Nervensystems dabei ist, die subtilen Botschaften der Vorderachse durchs Lenkrad spürt, das Leben der Hinterachse durch den Sitz fühlt, durch elegantes Spiel mit Kupplung, Gas und Bremse dem Motor ein besonderes Lied entlockt, mit sanfter aber bestimmter Hand den Schalthebel in die richtige Position legt.

Alles wahr, alles richtig – bis auf eins: das Schalten. Manuelles Schalten ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht dem Fahrspaß förderlich. Landläufig herrscht darüber zwar die gegenteilige Ansicht vor, die jedoch hält keiner Überprüfung stand. Im Gegenteil: Der Hobbyfahrer, selbst der ambitionierte, hat viel mehr vom Fahren, wenn er nicht selbst schalten muss.

Im richtigen Moment den Gang wechseln – kann nicht so schwer sein, oder? Kann doch jede Hausfrau.

Wer macht sich schon die Mühe, richtig und sauber zu schalten? 

Der Witz ist eben, dass die meisten Fahrer nicht über gehobenes Fahrschul-Niveau hinauskommen, selbst wenn sie glauben, sie tätens. Richtiges, gekonntes Schalten ist einfach viel zu anstrengend: Man muss dem Auto viel mehr Beachtung schenken als der normale Fahrbetrieb es zulässt, die Drehzahl an genau die richtige Stelle ziehen, mit Gefühl auskuppeln, mit Gefühl den Gang wechseln, mit Gefühl einkuppeln, mit Gefühl Gas geben. Die Aufmerksamkeit darf dabei nicht erlahmen, der hundertste Schaltvorgang sollte dabei genauso konzentriert und präzise ablaufen wie der erste. Radio hören, telefonieren oder mit den Mitfahrern parlieren fällt völlig aus.

Das ist sehr anstrengend. Darum macht es niemand, zumindest nicht im Alltag – nicht einmal bei einer anspruchsvollen Rallye. Geistesabwesend auf die Kupplung latschen, Schalthebel rumwerfen – das ist Hausfrauenniveau. Wenn man normal mit seinem Old- oder Youngtimer rumfährt, bewegt man sich mit dem Schalten auf genau diesem Niveau. Das muss nicht unbedingt schlampig sein, aber man würgt auch mal den Gang rein, obwohl die Synchronisierung noch nicht soweit ist, man lässt die Kupplung zu schnell kommen, schaltet an Punkten, die man vom Alltags-TDI gewohnt ist. Man wäre, mit anderen Worten, mit einer Automatik viel besser bedient. Und der Antriebsstrang auch.

Ich bin doch kein Rentner! widerspricht der Durchschnittsfahrer.

Wir alle sind routinierte Dilettanten 

Seltsamerweise haftet automatischen Getrieben in diesem Land noch immer das Tanten-Image an: Die Automatik ist das Eingeständnis, dass der Fahrer vom Fahren nichts versteht.

Wer, bitte, versteht dann was vom Fahren? Walter Röhrl vielleicht, dazu die exklusive Schar von Menschen, die professionell oder hobbymäßig möglichst schnell über die Runden einer Rennstrecke kommen wollen und damit wirklich auf jeden einzelnen Schaltvorgang aufpassen, weil darin die Hundertstel stecken, die man am Ziel braucht. Ansonsten: niemand!

Hand aufs Herz: Auch Sie haben sich bequem eingerichtet auf dem Alltagsniveau des Dilettanten. Und warum auch nicht? Da bewegen wir uns alle, von den genannten Ausnahmen abgesehen. Warum sollte man es sich nicht leichter machen und Automatik fahren? Eine Automatik ist in den meisten Schaltvorgängen kompetenter als der Fahrer. Unsportlich? Sportliches Fahren besteht zum allergrößten Teil aus sicherem Fahren. Wenn man mit einem Automatikauto um eine Spitzkehre kommt und dabei beide Hände zum Lenken frei hat, dann ist das ein erheblicher Gewinn an Sicherheit und an Lenkgenauigkeit. Außerdem gewährt die Automatik durchgängigen Kraftschluss.

Der Automat kanns besser 

Richtig, mit Automatikgetriebe beschleunigt ein Auto nicht so knackig wie manuell geschaltet. Aber unter welchen Bedingungen spielt das eine Rolle? Die maximale Beschleunigung zu ermitteln ist nichts weniger als Materialmord: anlassen, Kupplung treten, erster Gang rein, hochdrehen bis an den roten Bereich, Kupplung springen lassen, Vollgas bis an den roten Bereich, rücksichtslos den nächsten Gang reinreißen …

Wer macht sowas mit dem eigenen Auto? Niemand! In allen anderen Fahrsituationen kann ein Automat mithalten, nicht zuletzt dank durchgängigen Kraftschlusses. Bei manchen Autos, besonders komfortablen Limousinen wie so ziemlich allen S-Klasse Mercedes, grenzt Handschaltung an Vergewaltigung.

Trotzdem, ich bin doch kein Rentner …

Nein! Natürlich nicht. Wir sind Männer! Männer brauchen einen Schalthebel und ein Kupplungspedal! Männer lassen sich nicht von einer weibischen und völlig undurchschaubaren Automatik vorschreiben, wann sie in welchem Gang zu fahren haben! Männer duften nach Freiheit, Abenteuer und Kupplungsbelag, während sie mit muskulösem Fuße aufs Pedal treten und mit viriler aber sensibler Hand den Schaltknüppel in die richtige Position werfen! Männer gucken Auto- und Bierreklame! Auf Freiheit und Freundschaft!

Wer intensives Erleben beim Autofahren sucht, der möge ein Auto mit unsynchronisiertem Getriebe wählen. Unsynchronisiertes Fahren stellt eine ganz besondere Verbindung zwischen Fahrer und Auto her, das macht irrsinnig Spaß. Aber es ist auch anstrengend. Wer das nicht möchte (oder nicht kann), fährt sicherer, besser und angenehmer mit Automatik.