Autoliebe – Ein unheilbares Leiden

Autoliebe – Ein unheilbares Leiden

Die Ehefrau unseres Redakteurs „Reporter“ hat ein schweres Schicksal: Sie ist mit einem Auto-Verrückten verheiratet. Kann das wirklich gut gehen?

Inzwischen ist es mir klar: Ich bin mit einem unheilbar Verrückten verheiratet. Wie konnte ich nur die Anzeichen übersehen?
Am Anfang fand ich das alles noch interessant. Wie er bei jedem Wetter mit seiner damals schon steinalt aussehenden Vespa zur Berufsschule geknattert kam, lange bevor die Popper diese Gefährte für sich entdeckten. Später war es dann ein silberner Fiat 128 – aber die Vespa hat er heute noch.
Ich weiß noch, wie bei einem Spaziergang ein Auto neben uns hielt. Mein Begleiter, nach dem Weg gefragt, gab zur Antwort: "Fahren Sie vor bis zur Shell-Tankstelle, dann rechts bis zu Ford-Knudsen, dort links, bis sie am Schrottplatz vorbei sind, und biegen sie bei der Mercedes-Vertretung wieder links ein. Dann kommt der VW-Händler, und dahinter müssen Sie rechts rein!" Damals hätte ich eigentlich etwas merken müssen, aber ich fand den Spruch nur originell.

Motorsport mit der Vespa: zum Glück lange her

Als wir dann zusammenzogen, war die Suche nach einer geeigneten Wohnung ein Problem. Das Viertel mit den vielen tiefergelegten Golfs und Kadetts kam für meinen Partner nicht in Frage. Die Gegend mit den meisten italienischen Sportflitzern konnten wir uns nicht leisten, die Rekord- und Granada- Ecke war ihm zu spießig. Wir fanden schließlich ein Häuschen etwas außerhalb in einer Gegend, die alle Typen und Baujahre verkraftete. Der silberne 128er Fiat aus mütterlichem Vorbesitz war lange unser Wegbegleiter.

Beim Einrichten unseres neuen Domizils schwante mir langsam etwas. Fürs Eßzimmer wurden gleich zwei passende Vitrinen gekauft. Endlich kann ich meine schönen Porzellanteller ausstellen, dachte ich, aber von wegen: Dort parkten binnen kurzem Hunderte von Modellautos, und  als der Platz nicht mehr reichte, wollte er auch noch die schöne Rundbogenvitrine in meinem Wohnzimmerschrank (der noch aus meiner Junggesellinnenwohnung stammte) als Modellauto-Garage beschlagnahmen. Das konnte ich gerade noch verhindern – mit dem Effekt, dass über lange Zeit ein halbes Dutzend Hängevitrinen den Besucher das Treppenhaus hinaufbegleitete. Aber wenigstens ist es mir unter Androhung von Zwangsmaßnahmen gelungen, die Sammlung mit den Oldtimerpostern und die vielen Kennzeichen seiner verflossenen Fahrzeuge dauerhaft an die Wände des Hobbyraums und des Kellertreppenaufgangs zu verbannen. In den Keller verbannt - die Nummernschild-Sammlung

An Samstagen kriege ich meinen Mann kaum zu Gesicht. Da ist er während der Saison dauernd unterwegs, von einem Veteranen-Treffen zum nächsten Oldtimermarkt, der für mich nicht anders aussieht als ein gigantischer Schrottplatz. Dort schlendert er von Stand zu Stand, bleibt irgendwo stehen und beginnt, mit der Kontaktfreude eines Kindes, mit Gleichgesinnten über Vorzüge und Nachteile des Heckantriebs, die Vergänglichkeit von Chromstoßstangen und Einschicht-Metalliclackierungen oder die Bauzeiten bestimmter Modellvarianten zu plaudern. Für mich sind das böhmische Dörfer, und deshalb bleibe ich lieber im Wagen sitzen und stricke ihm einen Pullover - aber bitte mit seinem Lieblingsoldtimer vorne drauf.

Benzingespräche - da ist der Mann in seinem Element.

Mindestens ebensoviel Zeit wie mit mir verbringt mein Kerl in der Garage. Dort steht seine zweite große Liebe: Der goldmetallicfarbene Datsun Laurel, den er vor Jahren aus urlangem Garagenschlaf erweckt hat und einfach nicht abgeben will. Der "verdient sich künftig sein Gnadenbrot bei uns als Zweitwagen", wie mein Mann sagt, denn im Alltagsbetrieb nutzen wir inwischen (Gott sei Dank!) einen modernen Großraumkombi. Somit habe ich zumeist die zweifelhafte Ehre, das alte Schätzchen zu fahren, oder wahlweise den Fiat X 1/9, der daneben parkt. Der gefällt mir zwar besser, ist aber für den Wocheneinkauf nur bedingt geeignet. Was gäbe ich für einen ganz normalen Golf...
Neulich war mein Gatte plötzlich verschwunden. Nur weil jemand am Telefon behauptet hat, er hätte in Essen einen Audi 100 Avant auf einem Schrottlaster gesehen, hat mein Kerl, zusammen mit einem Kumpel, sämtliche Metallverwerter der Stadt abgeklappert. Sie haben den Wagen dann auch gefunden – allerdings war das Ding schon zum Paket gepreßt, sonst stände es vermutlich nun in unserer Einfahrt. Einer der Schrottplatzfunde: Ur-Ritmo als Cabrio

Manchmal machen wir tatsächlich einen ganz normalen Familienausflug ins Grüne. Aber ans Ziel kommen wir nur selten. Plötzlich reißt mein Mann das Steuer des goldenen Datsun (denn kein anderes Auto kommt für solche Fahrten infrage) herum, weil er hinter der Hecke eines Bauernhofes irgend etwas erspäht hat. Tatsächlich: Da steht so eine alte Möhre ohne Kennzeichen. Mein Mann geht ins Haus, bleibt ein paar Minuten drin – und kommt strahlend zurück, den Fahrzeugbrief in der Hand. Ruckzuck ist die Abschleppstange montiert, und dann darf ich in seinem Schlepptau den rollenden Schrotthaufen nach Hause gurken. Diese Dinger laufen ihm aber auch immer wieder zu wie herrenlose Hunde, ganz oder in Teilen. Neulich stand ein kompletter Motor in unserer Einfahrt, wie hingezaubert, einfach so. Und just in diesem Augenblick ruft schon wieder jemand an. Moment, ich schreibe mit: "Opel Rekord Caravan, ohne TÜV, kostenlos an Mutigen abzugeben..."