Angriff der Killer-Fliege

Angriff der Killer-Fliege

Der Autofahrer hat zwei Feinde. Der erste heißt Straßenverkehr, der zweite heißt Natur. Zur Natur gehören Rost, Bäume – und Insekten. Denn wehe, wenn sich eine Wespe oder ein Brummer in den Innenraum des Wagens verirrt. Wiebke Brauer über den Kampf mit dem Kerbtier.

Die untergehende Sonne blinzelt durch die Alleebäume, das Fenster ist offen. Eine Hand liegt auf dem Lenkrad, die andere lappt im Fahrtwind. Zwischendurch kommt ein Auto entgegen, ein „frrunggg“ setzt einen Takt in das Singen des Windes. Irgendwann schließt man das Fenster und seufzt einmal tief. Autofahren, das bedeutet Frieden. Dann sieht man eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Ein Insekt krabbelt über die Windschutzscheibe. Von innen. Wo kommt dieses Vieh auf einmal her? Jetzt nicht unruhig werden, es ist nur ein Insekt, wäre ja albern, für so ein kleines Wesen anzuhalten und den ruhigen Strom der Gedanken zu unterbrechen.

Der Name „Insekt“ stammt aus dem Lateinischen insectum. Insectum von in-secare, gleich „einschneiden“, was sich auf die abgesetzten Körpersektionen bezieht. Wie passend. Eine Weile hofft man, dass sich das Vieh brav auf die Rückbank verzieht. Tut es natürlich nicht, es setzt sich wie zum Trotz genau ins Sichtfeld und denkt offensichtlich darüber nach, sich als nächstes auf die Nase des Fahrers niederzulassen. Dann hebt es ab und setzt zum Sturzflug auf das Gesicht an. Die erste hektische Bewegung erfolgt. Dich kriege ich, du Mistbiene. Sie verschwindet für eine Minute in einem Paralleluniversum, dann erscheint sie wieder wie aus dem Nichts. Summt am Ohr. Unruhe bricht aus, Arme wedeln, Joe Cocker am Steuer, eine Schlangenlinie, das verdammte Vieh. Ein einziger Gedanke beherrscht das Hirn, wir müssen sie bekommen, jetzt heißt es: Auge um Auge, Mordlust befällt uns, der Raum verengt sich, das Summen erfüllt die Ohren. Eine Fliegenklatsche muss her, Pestizide, Napalm, eine Bazooka, irgendwas. Jetzt herrscht Krieg.

Doch halt. Die letzten Raucher zünden sich zur Beruhigung eine Zigarette an, vielleicht vertreibt das die Unruhe und den geflügelten Feind dazu. Von wegen. Beim nächsten Angriff verliert man erst die Nerven und dann die Zigarette im Schoß, Panik bricht aus, der Herzschlag stockt, rechts schnell rechts ran.
Motor abstellen. Ruhig jetzt. Erst die Glut bergen, als nächstes den Widersacher auslöschen, endgültig. Gleich habe ich Dich. Den Atem anhalten, lauschen und warten. Stille. Kein Summen, keine Spur von dem Vieh.

Insekten existieren seit 400 Millionen Jahren. Käfer, Federflügler, Stabheuschrecken, Freikiefler, Sackkiefler, Hundertfüßer, Tarsenspinner, Grillenschaben, die Steinlaus, Ohrwürmer, Termiten, Gespenstschrecken, kein Tier zählt mehr Arten.

Aber eins reicht, um Dich zu besiegen.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 29.08.2011