An meine Ohren lasse ich nur…

An meine Ohren lasse ich nur…

Rock! Pop! Die Hits der 80er, 90er und das Beste von heute. Wem lauscht der geneigte Oldtimer-Fahrer eigentlich am liebsten – Hendrix oder Hörbuch? Wiebke Brauer horchte nach.

Es ist neu. Es ist ein Becker. Ich habe relativ viel Geld dafür bezahlt, damit es wenige Knöpfe hat, nicht neonblaugrüngelb blinkt oder „Hello“ zu mir sagt. Ja, ich weiß, es ist kein Original und deswegen böse. Aber es macht mich glücklich, weil ich nicht mehr die Adapterkassette reinschieben muss, um dann den Adapter für das iPhone anzudocken, um dann das iPhone an den Adapter anzuschließen. Ging gar nicht.
Auf jeden Fall stellt sich seit gestern die Frage, was man in seinem geliebten Auto hört. Denn plötzlich dringen wohlklingende Noten an mein Ohr – und nicht mehr nur das Hochschalten der Automatik oder das atmosphärische Rauschen, das alle Mitfahrer dazu brachte, „Ah. Massefehler.“ zu seufzen.
Streng genommen dürfte bei mir nur die Titelmusik der Serie „Dallas“ laufen. Denn die meisten, die meinen Wagen sehen, quieken sofort: „Den hatte Bobby Ewing!“ Njein, Bobby fuhr einen kirschroten Mercedes-Benz 450SL, soweit ich weiß, aber das nur nebenbei. Ich könnte auch die Titelmusik zu „Hart aber herzlich“ hören. Oder dem Baujahr 1985 gemäß den Smash-Hit „One Night In Bangkok“ von Murray Head. Danach folgte in der Playlist „You're My Heart You're My Soul“ von Modern Talking und Sandra mit „Maria Magdalena“, die schafften es in diesem Jahr auch auf Platz eins der Charts. Man merkt: Es war ein gutes Jahr für Autos – und ein katastrophales für die Musikgeschichte. Wobei ich zugeben muss, dass es sich auch um ein fatales Jahr für meine Optik handelte. Was das Make-up anging, mäanderte ich zwischen mit Boy George und Marilyn Manson, die Frisur orientierte sich an diesen lustigen Büschen, die immer durch die Wüste rollen. Noch schnell einen Cowboystiefel übergestülpt und ein Kilo maisgelbes Plastikgebimsel an die Ohren gehängt, fertig war der modische Fallout.
Aber ich sprach über Musik. Sollten wir nur Jimi Hendrix erklingen lassen? Lalo Schifrin? „Benzin“ von Rammstein? Janis Joplin? „Road Trippin’“ von den Red Hot Chili Peppers? Vielleicht auch „Rental Car“ von Beck oder „Closer“ von den Nine Inch Nails. Andere lassen sich lieber von klassischer Musik berieseln oder zischen sich drei Stunden Wagners „Ring der Nibelungen“ in die Schnecke.
Aber wie wir wissen, ist der Soundtrack unseres Lebens viel profaner. So suchte ein Freund von mir einst ein gebrauchtes T-Modell. Bei Mercedes fragte er den Verkäufer nach einem Wagen mit CD-Player, da alle angebotenen Autos nur über einen Kassettenspieler verfügten. Daraufhin antwortete der freundliche Angestellte: „Naja, wissen sie, unsere Kunden, die hören dann eher Benjamin-Blümchen-Kassetten.“
Auch eine Form von „Highway to Hell“.

Autor: Wiebke Brauer