Ach, Sie interessieren sich für Autos?

Ach, Sie interessieren sich für Autos?

Wie sieht ein Mensch aus, der Oldtimer liebt? Ist er reich, arm, dick oder dünn? Oder sollte es grundsätzlich ein männliches Wesen sein? Wiebke Brauer wundert sich über die Verwunderung.

Ganz ehrlich: Sehe ich aus, als ob ich Belgische Bartkaninchen züchte? Oder stundenlang Tabletop-Figuren bemale? Vielleicht spiele ich aber auch in meiner Freizeit Klassiker der Filmgeschichte nach. Gerade nähe ich mir ein „Jabba the Hutt“-Kostüm, morgen treffen wir uns in meiner Garage und spielen Star Wars.
Fakt ist, dass Menschen erstaunt darüber sind, wenn sie erfahren, dass ich mich für Oldtimer und Youngtimer interessiere. Sie wunderen sich, wenn mein Büro voller Autoposter hängt, dass man bei mir einschlägige Fachzeitschriften findet und in meinem Regal – neben der Comicsammlung – auch Reparaturanleitungen stehen. Nein, nicht für den Herd, sondern für das Motorrad. Und wenn das Wissen dann durchgesickert ist, dass diese komische Frau tatsächlich einen Hang zur Motorisierung hat, kommt der Dolchstoß.
„Schraubst Du denn auch selbst?“
Ah, da haben wir es. Wenn schon eine Frau dicke oder alte – oder dicke alte Autos fährt, sollte sie zumindest zugeben, dass sie mit ihren manikürten Fingern nur das Lenkrad berührt und ansonsten keinen blassen Schimmer von den Teilen hat. Manchmal antworte ich auf die Frage mit: „Klar.“ Nur, um das Thema zu beenden. Besonders neugierige Genossen wollen dann wissen, wo ich das Schrauben gelernt habe. Ich habe mir schon überlegt, den Leuten zu erzählen, dass ich lange in einer Kolchose gearbeitet habe und Mädchen dort Kurse in Ackerbau, Viehzucht und Motorentechnik besuchen mussten. Ich könnte dann noch ein bisschen linke Sozialromantik verbreiten: „Ach, das war eine schöne Zeit, so frei von Konsum und Kommerz, einfach nur gemeinschaftliches Lernen und Arbeiten…“
Aber im Ernst: Als ich mich neulich auf einer Oldtimer-Veranstaltung herumtrieb, sah ich mich interessiert um, um endlich herauszufinden, wie der Oldtimerfahrer an sich denn nun aussieht: Und siehe da: Es reihte sich Burberry neben kik, Gosch neben Lidl, Fönwelle neben Vollbart. Ich war verzückt. Die totale gesellschaftliche Harmonie auf einer Tribüne, geeint durch die Faszination am Automobilen. Wir waren alle gleich! Was für ein kommunistischer Gedanke! Da war sie wieder, die Kolchose! Naja, bis zu einem gewissen Grad. Wäre einer auf die Idee gekommen, dass Eigentum ja Diebstahl ist und deswegen mein SL allen gehört, hätte der linke Spaß ein stalinistisches Ende gefunden. Da bin ich eben auch gleicher als die anderen.
Aber vielleicht fand ich doch eine Antwort an jenem Tag: Einen Oldtimerfahrer erkennt man nicht. Aber einen kapitalen Schuss haben sie alle.

Autor: Wiebke Brauer