Kaufberatung Mercedes-Benz /8 bzw. Strich 8 W114 Teil-2

Kaufberatung Mercedes-Benz /8 bzw. Strich 8 W114 Teil-2


Kaufberatung Strich Acht Teil II

Den revolutionären Umtrieben der Studentenbewegung stellte Mercedes-Benz 1968 eine neue Mittelklasse entgegen, die auf ihre Weise ebenfalls neue Wege beschritt. Der Verzicht auf  überbordenden Chromschmuck und die vereinfachte Karosserielinie nahm vom Barock der Heckflossen Abschied. Eleganz statt Opulenz, wär das was für Sie?

Motorenkunde I: Benziner

Wie oben bereits erwähnt, ist die Wahl der Motorisierung ganz dem persönlichen Geschmack des künftigen Besitzers überlassen: Soll es eher lahm – Verzeihung: gemütlich zugehen, oder eher flott? Alle Motoren gelten als robust und langlebig, haben aber jeweils ganz eigene Stärken, Schwächen und Eigenheiten. Nur der 250er genießt einen etwas zweifelhaften Ruf, den man jedoch nicht überbewerten sollte.
Beginnen wir mit den Benzinern. Am häufigsten sind die Typen 200 (Rentner's Liebling!) und 220 zu finden. Sie sind mit 95 und 105 ausreichend kräftig; eine Alternative stellt der 230.4 aus der Serie 2 dar, der noch 5 PS mehr mobilisiert und preislich mit seinen Vorgängern etwa gleichauf liegt. Matthias ergänzt: „Der /8 ist ein echter Benz, aber das dazu passende S-Klasse- Feeling kommt, meiner Meinung nach, erst mit den Sechszylindern auf. Ein Geheimtipp ist der zwischen 1972 und 1976 lieferbare 250  mit dem 2.8 l- Motor M130 aus dem 280 S. Er ist niedriger verdichtet, hat aber mehr Drehmoment bei niedrigenDrehzahlen und 130 PS.“
Unter den Sechszylinder-Benzinern winkt außerdem der 230.6: Seine zwei Vergaser sind fast immer überholbedürftig und sehr komplex, so dass ein Vergaserprofi ran sollte. Ein 280 E mit defekter oder „kaputt-reparierter“ Bosch D-Jetronic ist ebenso nur schwer heilbar; funktioniert die D-Jet aber einwandfrei, gibt es keinen Grund zur Sorge. 
 Mercedes-Benz /8 Kaufberatung Motor

Motorenkunde II: Diesel

Weiter zu den Dieseln. Hier ist der 220 D das häufigste Modell, gefolgt vom 200 D. Matthias meint dazu: „Viele schwören auf den 200er, aber mal ehrlich: Das Ding ist ein lahmer Hund. Der bessere Kompromiss ist eindeutig der 220er.“.
Unter den Dieseln ist der ab 1974 lieferbare Fünfzylinder 240D 3.0 mit 80 PS das Topmodell. Ein Vorbote moderner TDI's, könnte man sagen – im Kontext der Zeit betrachtet, versteht sich! Um ihn zu starten, bedarf es auch nur eines Drehs am Zündschlüssel. Bei den älteren Modellen wird es schon schwieriger, und damit ein Diesel-Neuling nicht wie der Ochs' vorm Berge steht, sei die Prozedur hier kurz erklärt: In kaltem Zustand muss der kleine Leerlauf-Drehknopf links unterhalb vom Tacho (einem Halbmond nicht unähnlich) gegen den Uhrzeigersinn gedreht werden. Dann wird der runde Zugschalter daneben halb herausgezogen, bis der Draht hinter dem gelochten Blechdeckelchen rot glüht. Dann zum Starten den Knopf ganz herausziehen. Sobald der Motor rund läuft, wird der Leerlauf-Halbmond wieder zurückgedreht.

Die Tücken der Ölmotoren

Verbrauchte Diesel zeichnen sich, so bizarr es auch klingen mag, durch einen extrem ruhigen Lauf und Drehfreude aus: beides Zeichen mangelhafter Kompression, die sich beim Fahren durch fehlenden Durchzug im unteren Drehzahlbereich bemerkbar macht. Nehmen Sie, vorzugsweise auf der Autobahn, den Fuß vom Gas und treten wieder drauf –  zeigt sich hinter Ihnen eine Qualmwolke? Wird das Auto durch Motorbremse schnell langsamer oder ist die Fuhre nur noch durch die Betriebsbremse zu verzögern? Diesel mit fehlender Kompression kranken an verschlissenen Kolbenringen, die den Druck teilweise ins Kurbelgehäuse entweichen lassen, wo er das Öl aus allen Ritzen ans Tageslicht befördert und dem Block einen schmierig glänzenden Teint verleiht.
Gerissene Verkäufer betätigen sich gerne als Illusionisten und spendieren ihrem Baby daher gerne eine Motorraumdusche mit dem Hochdruckstrahl; auf das äußere Erscheinungsbild des Treibsatzes darf man sich also nicht ohne weiteres verlassen. Neben akustischen Signalen wie parasitäres Klappern, Tickern, Sägen, Mahlen oder sonstiger Waldarbeit ist ein Kompressionstest noch am aussagekräftigsten, aber auch wieder nur ein Fall für die nette Werkstatt an der Ecke. Steht sie nicht zur Verfügung, achten Sie auf die Öldruckanzeige: Benziner sollten im Leerlauf bei Vierzylindern 2 bar haben, Sechszylinder 1 bar, jedoch immer vollen Ausschlag der Nadel beim Gasgeben zeigen. Da Benziner bei Laufleistungen über 150.000 km auch gerne mehr Öl schlucken (laut Werksangabe zwischen 1 und 2 Liter auf 1000 km!), sind blaue Wolken beim Kaltstart beinahe normal, bei der Probefahrt und mit warmem Motor sollten Sie aber nicht permanent Ihre Verfolger einnebeln, denn sonst liegt der Verdacht nahe, dass der Ölverbrauch deutlich über dem Grenzwert liegt. Sind für die Typen 200 und 220 zuweilen noch gute Gebrauchtmotoren zu haben, sieht es beim 250er von jeher sehr mau aus und eine (sehr teure) Komplettrevision wird schnell unumgänglich.
Analog für beide Motorvarianten kann folgender Test angewendet werden: Legen Sie den Öleinfülldeckel nur lose auf und lassen Sie dabei den Motor laufen. Fröhliches Herumspringen deutet auf fehlgeleitete Kompression hin, bleibt er aber einigermaßen ruhig liegen, scheint alles in Ordnung zu sein. Mercedes-Benz /8 Kaufberatung Wärmetauscher

Der Spartipp: Pflanzenöl!

Gerade alte Diesel eignen sich prächtig zum Betrieb mit Pflanzenöl oder gar „Pöl“, verbrauchtem Pommes-Öl, das sich bis vor kurzem (also: vor der Spritpreis-Manie mit aufkommendem Pfennigfuchsertum) noch bei Gaststätten für kleines Geld abgreifen ließ. Folgende Umbaumaßnahmen sind nötig, damit das System einwandfrei funktioniert: Einspritzdüsen mit 122 statt 115 bar Einspritzdruck, neue Glühkerzen und ein Wärmetauscher, der das Pöl per warmem Kühlwasser auf 80° vorheizt. Es sollten 2 Teile Öl und ein Teil Diesel getankt werden; beim Kaltstart „sägt“ der Motor im Leerlauf für gewöhnlich etwas, weil der Pommesdiesel erst mit zunehmender Temperatur flüssiger wird. Fahrer eines Pöl-Autos haben neben den günstigen Spritkosten noch einen großen Vorteil, wenn sie am Steuer ihres Autos sitzen: Sie riechen nicht, was der Hintermann riechen muss! Mercedes-Benz /8 Kaufberatung Motor und Getriebe

Getriebe

Ebenso wichtig wie ein funktionierender Motor ist natürlich ein gutes Getriebe. Die Viergang-Schaltbox glänzt durch sprichwörtliche Unkaputtbarkeit. 5-Gang- Getriebe gab es gegen Aufpreis, entsprechend rar sind sie heute. Ihr Nachteil, wenn man ihn überhaupt als solchen empfindet, liegt in der lauteren Geräuschkulisse. Auch die Automatikgetriebe versagen selten ihren Dienst, bei der Probefahrt sollten Sie aber darauf achten, dass die Gänge mit einem vernehmlichen Ruck einrasten (spätere Ausführungen rucken weniger, aber immer noch merklich) und nicht undefiniert von einer Stufe zur nächsten rutschen, vielleicht auch noch bei gleichzeitig kurzzeitiger Erhöhung der Motordrehzahl. Mercedes-Benz /8 Kaufberatung Interieur

Die gute Stube

Zeit, einen Blick ins Wohnzimmer, d.h. den gut situierten Benz'schen Innenraum zu wagen.
Blaue Armaturenbretter neigen ungleich häufiger zur Rissbildung als ihre grauen Kollegen (übrigens auch bei W123 und W124!). Gibt es Boxenlöcher in den Türinnenverkleidungen oder ist noch alles unversehrt? Hat jemand an der Mittelkonsole herumgesägt, um Platz für einen 120fach-CD-Verwechsler zu machen und das klassische Ambiente mit Füßen zu treten?
So banal es denn auch klingen mag: Heben Sie eventuell vorhandene Schonbezüge unbedingt an, denn Ersatz für die originalen Sitzbezüge ist sehr schwer aufzutreiben. Leder und Velours sind heute am seltensten, MB-Tex und Stoff dementsprechend häufiger. Stoff ist von allen Bezügen die am meisten vom Aussterben bedrohte Art; zwar waren die MB-Stoffe stets robust und langlebig, aber auf erbarmungslose Dauerbelastung reagiert beinahe jedes Faserzeug irgendwann mit bedingungsloser Kapitulation in Form von Löchern. 
Für alle Ausstattungsteile gilt: Was drin ist, muss auch in Ordnung sein bzw. funktionieren, sonst gibt’s Punktabzug. Ein elektrisches Schiebedach, das nicht schiebedacht, schiebt entweder Ihr sauer verdientes Bares in den Säckel eines eifrigen Monteurs oder Ihre Nerven stante pede in die Heilanstalt. Gleiches gilt, wenn auch nicht ganz so dramatisch, für die Zentralverriegelung, für Coupé- Sitze mit Unterdruck-Lehnenentriegelung (serienmäßig bei den Zweitürern) und andere ehemalige Hightech- Spielereien  Umgekehrt macht jede funktionierende Sonderausstattung das Auto aber auch teurer, und je mehr an einem Benz dran ist, desto begehrter ist er meistens auch am Markt.


Was kostet der Spaß?

Der unangenehme Teil kommt wie immer zum Schluss: Die Finanzen. Zwischen Dieseln und Benzinern gibt es kaum nennenswerte Preisdifferenzen, erneut liegt die Qual in der Wahl. Im Zustand 5 reicht laut Classic Data-Preisliste der zweifelhafte Spaß von ca. 500€ bis zu ca. 1.500 €, im vernunftnahen Zustand 3 von 4.500 € für einen Vierzylinder-Benziner der (von den Topmodellen abgesehen) weniger gefragten Serie 2 bis zu 8.100 € für ein 280 CE Coupé. Generell liegen die Preise für Coupés etwa 30% über denen der Limousinen; Sonderkarosserien von fremden Herstellern können nicht genau taxiert werden und erzielen individuelle Preise.
Technik-Verschleißteile sind zu vernünftigen Preisen entweder bei Mercedes-Benz direkt oder bei spezialisierten Fachhändlern zu haben, Blechteile werden langsam rar, einige sind nur noch als Nachfertigung oder gar nicht mehr verfügbar. Was Chromzierrat betrifft: Ziert er nicht mehr, zieht er ihnen das Geld gezielt aus dem Budgettopf.
 Mercedes-Benz /8 Kaufberatung

Weiterführende Lektüre zum Strich Acht

Um sich tiefergehend zu informieren, gibt es eine recht überschaubare Anzahl an Büchern. Allen voran der „Rohde-Koch“, die Bibel der /8-Fans. Leider ist das Buch nur noch antiquarisch zu haben und wird meist nur ab 150 € angeboten. Lieber Motorbuch Verlag, wann kommt die Neuauflage? Eine gute Alternative ist das Buch von Heribert Hofner aus dem Heel Verlag, das es für 20 € nach wie vor im Buchhandel zu kaufen gibt. Relativ neu ist der Band aus der Reihe „Schrader-Typen-Chronik“. Er bietet einen guten, knappen Überblick mit schönen Fotos zum moderaten Preis von 9,95 €. Reparaturanleitungen und Handbücher sind auch nützlich, wenn man sich bereits vor Anschaffung eines Autos in die Technik einlesen möchte. Sie sind leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Michael Rohde, Detlef Koch: Mercedes-Benz/8 W114/115. Stuttgart: Motorbuch Verlag, 1. Aufl. 1996. ISBN: 3-613-01694-X (antiquarisch)
Heribert Hofner: Mercedes-Benz, Die Strich-8-Modelle. Königswinter: Heel 2004. ISBN: 3-89365-440-2 (20,00 €)
Schrader Typen Chronik Mercedes-Benz /8 1968-1976. Stuttgart: Motorbuch Verlag 2009. ISBN: 978-3-613-03025-1 (9,95 €)

Mercedes Diesel Serie 115 1968 bis 1975. Zug/CH: Bucheli Verlag 1990. 
Korp, Dieter: Jetzt helfe ich mir selbst Bd. 24: Mercedes-Benz 180Dc, 190D, 200D, 220D, 240D., Bd. 38: 200/220/230 Benziner ab 1968, alle Vierzylinder. Stuttgart: Motorbuch Verlag.
(Alle drei nur noch antiquarisch erhältlich)

Der MB Strichachtclub Deutschland e.V. bietet auf seiner Homepage ebenfalls umfassende Informationen und eine gut gepflegte, überschaubare Linkliste: http://www.strichachtclub.de

Wie es dem frisch gebackenen Besitzer eines 200ers ergehen kann, das gibt es auf Thorsten's /8-Seiten zu sehen und zu lesen: http://www.mb-w115.de/

Autor: Frederik E. Scherer 

Lesen Sie auch den ersten Teil der Kaufberatung zum Mercedes-Benz Strich Acht und erfahren Sie Alles über seine Entwicklung, seine Schwachstellen und dass er eigentlich unter einem unverdienten schlechten Ruf leidet.