Kaufberatung  Mercedes-Benz S-Klasse W116 (1972 - 1980)

Kaufberatung Mercedes-Benz S-Klasse W116 (1972 - 1980)


Kaufberatung

Der Mercedes-Benz W116 hat die Kraft und die Herrlichkeit, ganz ohne Zweifel. Wie es allerdings mit der Ewigkeit bestellt ist, muss man bei jedem einzelnen Exemplar nachprüfen.

Diese S-Klasse beförderte eine Revolution.

Revolution? Eine Mercedes S-Klasse? Will nicht recht zusammenpassen, was? Wir müssen natürlich unterscheiden zwischen dem Auto selbst und seiner Zielgruppe: Als die neue S-Klasse, intern W116, im Spätsommer 1972 auf den Markt kam, führte wohl kaum ein Käufer umstürzlerisches Gedankengut im Schädel. Die Umwälzung lag im Auto, am augenfälligsten an der Front. Diese Front muss für eingefleischte Anhänger der Marke beinahe schockierend gewirkt haben: Seit Gründung der Daimler-Benz AG trugen Personenwagen aus Untertürkheim einen sich gewaltig auftürmenden Kühlergrill, flankiert von stattlichen Kotflügeln. Vor 1972 stand ein Mercedes-Benz so aufrecht da wie die staatsbürgerliche Gesinnung seiner Insassen.

Dann kam der W116 mit einer Front, die dermaßen auffällig waagerecht gegliedert war, dass es einem schwindeln konnte. Eine gewisse Vorarbeit hatte der Strich-Acht geleistet, der erste Mercedes mit einem Kühlergrill, der breiter ist als hoch. Strich-Achts Kühlergrill wird aber flankiert von sehr aufrechten Bandscheinwerfern – und die zeigten sich nun bei der neuen S-Klasse in die Seitenlage gekippt. Und noch merkwürdiger: Die Hauptscheinwerfer saßen nicht außen, wo man sie vermuten würde, sondern auf der Innenseite der Leuchteinheit …

Die wahre Revolution sieht man nicht

Der radikale Schwenk in der Außengestaltung war natürlich nicht das eigentlich Revolutionäre am W116, nur dessen auffälligster Ausdruck – schließlich pflegte man bei Daimler-Benz keine halben Sachen zu machen. Der W116 war von Grund auf neu durchdacht im Hinblick auf Sicherheit und Haltbarkeit. Er führte ein neues Niveau an passiven und aktiven Sicherheitsmerkmalen in den Großserienbau ein; die Daimler-Benz-Ingenieure hatten sich dabei nur von wenigen überkommenen Ideen leiten lassen. Ein offensichtliches Beispiel: die Anordnung der Nebelleuchten – natürlich ist es sinnvoll, diese Einheiten möglichst weit außen zu installieren, damit sie ein maximal großes Feld ausleuchten. Das sieht gewöhnungsbedürftig aus, ist aber völlig logisch.

Größeres Auto, größere Motoren

Die neue S-Klasse legte ordentlich zu im Vergleich zum Vorgänger: fette 187 cm Außenbreite (W108: 181 cm), rund 10% mehr Gewicht – und der W108 ist wahrlich nicht filigran. Dazu gab es einen  fast neuen Sechszylinder, den großartigen dohc-M110, alternativ  zwei ganz neue Achtzylinder mit anfangs 3,5 und 4,5 Litern Hubraum. Nur der Sechszylinder war auf Wunsch mit Vergaser erhältlich, die Standard-Gemischaufbereitung erfolgte durch eine Bosch-Einspritzung.

Das Topmodell 450SE hat 225 PS unter der Haube, damit kann man 1,8 Tonnen Automobil ganz ordentlich in Schwung bringen. Als der W116 entstand, dachte allerdings noch niemand ernsthaft über Benzinpreise nach, weshalb man bei zügiger Fahrt auch mal 20 Liter durch die Einspritzung schießen kann. Die Krönung der Baureihe kam 1975 mit dem 450SEL 6.9. Dessen 286 PS sind nicht von Pappe, aber die Leistung verblasst gegen ein Drehmoment von der Wucht eines asiatischen Bergrutsches.

Inzwischen ein Klassiker

In acht Jahren entstanden rund 473.000 Exemplare vom W116, ein beachtlicher Erfolg für eine S-Klasse. Diese Stückzahl und die formalen wie technischen Neuerungen standen dem W116 lange im Weg – oder genauer: seiner Anerkennung als Klassiker. Noch Mitte der Neunziger galt er weniger als echter Mercedes-Oldtimer denn als stattlicher Gebrauchtwagen; bei jedem gut sortierten Fähnchenhändler stand mindestens ein Exemplar auf dem Kies.

Das hat sich inzwischen geändert. Die fließend gestreckten Linien des W116 stechen heute weniger ins Auge als die üppig gewölbten Flanken, doppelten Stoßstangen und gewaltigen Leuchteneinheiten. Der echte Fan schätzt natürlich die zahllosen Sonderausstattungen und Extras, aber auch mager ausgestattete Exemplare bieten dieses großartige Fahrgefühl, das nur Daimler-Benz hinbekam: als säße man in einer rollenden Burg.

Vorsicht vor vernachlässigten Exemplaren

Auch heute noch kann man einen W116 für vergleichsweise wenig Geld finden, um 2000 Euro. Allerdings holt man sich zumeist bei solchen Schnäppchen nicht nur viel Auto fürs Geld ins Haus, sondern auch viel Ärger. Ein W116 fährt sich auch dann noch wie ein Panzerschrank, wenn er böse durchrostet ist. Und er kann sich sogar noch gut anfühlen, wenn ihm eine Anzahl Vorbesitzer übel mitgespielt hat – besonders in den Neunzigern fielen manche W116 in die Hände von Menschen mit mehr Geltungsbedürfnis als Geldmitteln.

Daher ist die Gefahr besonders groß, einem Blender aufzusitzen. Unter einem aufpolierten Lack kann dabei nicht nur Rost, sondern auch ausgeleierte Technik stecken. Wenn ein satter Achtzylinder zwei Tonnen Auto (inklusive zwei Passagiere) schnell in Bewegung versetzt, dann wirken Kräfte auf den Antriebsstrang, die auf die Dauer ihren Tribut fordern. Die Erstbesitzer brachten ihre Autos regelmäßig zur Inspektion, aber wer sich nicht um sein Auto kümmert, bekommt es mit ausgefransten Hardyscheiben und ausgeschlagenen Hinterachsen zu tun.

Gutmütige Motoren 

Die Motoren gelten als gutmütig – vorausgesetzt, sie erhalten ein Minimum an Wartung. Sollten Lagerschalen ausgeschlagen sein, das Differential ölt oder bei Lastwechseln blaue Wolken aus dem Auspuff treten, so kann die Reparatur aufwendig und teuer werden. Andererseits sind die Teilelager von Enthusiasten und Clubs gut gefüllt, so dass man eine Chance hat, komplette Motoren oder Achsen zu tauschen. Voraussetzung ist natürlich die Mitgliedschaft in einem Club.

Vorsicht bei Autos, die lange Standzeiten hinter sich haben. Neben den üblichen Schäden an Bremsanlage und Dichtungen besteht große Gefahr, dass die Einspritzung Schaden genommen hat. Keinesfalls sollte man ein jahrelang abgestelltes Auto ohne Vorbereitung starten. Das kann zwar gutgehen, aber oft genug entstehen dadurch erst Schäden an der Einspritzung, die man mit der gebotenen Sorgfalt vermieden hätte. Der Mengenteiler einer Bosch K-Jetronic ist zwar durchaus zu retten, aber billig wird das nicht.

Teile und Preise

Viele W116-Freunde spielen das beliebte "Such-das-Extra- Spiel": Sie rüsten ihre Autos mit Extras aus Schlacht- exemplaren auf. Ob man sich dem anschließen will, bleibt einem selbst überlassen – sprich: Es ist Verhandlungssache, ob man ein nachträglich eingebautes Extra mit Aufpreis honoriert. Werksseitig installierte Extras dagegen erhöhen den Wert eines Exemplars zweifellos (vorausgesetzt sie funktionieren).

Komplettrestaurierte W116 sind selten – es gibt einfach zuviele gut erhaltene Exemplare. Dazu kommt, dass sich die Investitionen einer Vollkur nicht in voller Höhe im Fahrzeugwert niederschlagen. Voll ausgestattete, original und gut erhaltene Exemplare mit V8 können fünfstellige Summen erzielen, aber das sind dann schon Spitzenwerte. Man hat gute Chancen, einen ordentlichen W116 mit mittelprächtiger Ausstattung für sechs- bis achttausend Euro zu finden. Damit bekommt man sehr viel Auto fürs Geld.

Die Teileversorgung ist ordentlich. Vieles bekommt man sogar bei Daimler, aber da sollte man einen starken Lederriemen mitnehmen, den man durchbeißen kann, wenn man die Rechnung erhält. Bei manchen Teilen lässt sich der Gang in die Mercedes-Benz-Niederlassung kaum vermeiden – etwa für Hardyscheiben der Kardanwelle – aber oftmals ist man gut beraten, sich einem Mercedes-Netzwerk anzuschließen und gemeinsam Teile zu sammeln.

6.9!

Die Krönung des W116-Fahrens bietet natürlich der gewaltige 450SEL 6.9, der nicht nur einen mächtigen Motor besitzt, sondern insgesamt mit Technik vollgeladen ist, die kein anderer Mercedes-Benz hat. Die Herrlichkeit hat ihren Preis: Ein 6.9 zählt zu den schwierigsten Projekten, die man sich in die Garage holen kann. Es kommen immer wieder Exemplare auf den Markt, die deutlich weniger als 10.000 Euro kosten sollen – aber Vorsicht! Ein 6.9 ist nicht einfach nur eine Ausstattungsvariante des 450SE. Neben einem gewöhnlichen W116 (so gewöhnlich diese prachtvollen Autos sein können) steht der 6.9 wie eine Mondrakete Typ Saturn V neben einem Schulbus.

Ein tolles Auto

Egal in welcher Variante, ein W116 ist ein tolles Auto. Vorausgesetzt natürlich, man mag es groß und behäbig. Behäbig, in der Tat – selbst ein 450SE wird nicht mit einem gewöhnlichen Vorstadt-TDI mithalten können. Einzig der 6.9 hat da noch Chancen. Aber wer einen W116 fährt wie ein neuzeitliches Familienauto, der hat was missverstanden und zählt zu den unseligen Besitzern, die ihre Autos nach ein paar Jahren völlig runtergeritten wieder abstoßen. Ein W116 ist zum Gleiten geschaffen, das kann er besser als die meisten US-Dickschiffe, und er hat die Reserven, sich bei Bedarf auch mal sehr flott zu bewegen.

Das Clubleben rund um den W116 ist so lebendig wie um alle Mercedes-Klassiker. Erste Adresse ist natürlich der W116-Club. Größter Mercedes-Club ist der VDH, der eine detaillierte Schwachstellenanalyse bereitstellt. Wie bei allen Oldtimerkäufen sei dem Neuling jedoch vor allem empfohlen, sachkundige Unterstützung mitzunehmen, wenn er ein Angebot untersuchen will.