Kaufberatung: Lada 2101 Shiguli

Kaufberatung: Lada 2101 Shiguli


Service

Warum zuckt das Publikum zurück, wenn die Marke Lada erwähnt wird? Der 2101, genannt Shiguli, ist ein richtig gutes Auto - besser sogar als sein Ursprung, der Fiat 124. Es ist an der Zeit, einen vergessenen Klassiker neu zu betrachten.

Für den Fahrer eines Lada 2101 sind bestimmte menschliche Attribute unerlässlich. Geduld zum Beispiel, Toleranz auch. Insgesamt: eine gewisse Zähigkeit.

Allerdings ist es nicht das Fahrzeug, das dem Fahrer diese Attribute abverlangt, es sind die Reaktionen der Umwelt, die Souveränität einfordern. Zum besseren Verständnis der Problematik das Protokoll eines typischen Gespräches zwischen einem Fahrer eines Lada 2101 und einem interessierten Passanten: 

Passant (mit allergrößtem Entzücken): Oh, das ist aber ein tolles Auto! Ein Alfa Romeo, nicht?
Fahrer: Nein, nicht ganz.
Passant (fast genauso begeistert): Ach genau, ein Fiat!
Fahrer: Fast …
Passant: (etwas verunsichert): Ja, was ist es denn dann?
Fahrer: Ein Lada.
Passant (sichtlich enttäuscht): Ah.
Fahrer (dem flüchtenden Passanten hinterher): Das mit dem Fiat war aber gar nicht so verkehrt, den tatsächlich hat Lada die Lizenz der 124 Limousine von Fiat …

Tja. Alles im Leben hat seinen Preis. Der Lada 2101 ist der günstigste Weg, einen echten Oldtimer zu fahren. Man bezahlt mit der Verachtung der Mitmenschen.

Für 500 Euro kann man mit etwas Glück schon ein Fahrzeug im Zustand 3 ergattern, für ein tip-top erhaltenes Exemplar sind selten mehr als 2000 Euro fällig. Dafür bekommt man eine ganze Menge, allem voran klassisches italienisches Design der 60er Jahre. Denn der Lada 2101, oft auch Shiguli genannt, ist ein Lizenzbau, also eine Einszueins-Kopie der Fiat 124 Limousine. Eine gedankliche Verbindung mit anderen Vertretern dieser Designepoche wie Alfa Giulietta und Lancia Fulvia kein Zufall. Das Problem (oder das Glück, je nachdem wie man es betrachtet) des Lada: Er wurde nicht in Italien, sondern in Russland zusammengebaut, und das steht eben nun mal für alles mögliche, aber nur selten für klassische Automobile.

Der bessere 124 

Das Kuriose dabei: Die russischen Ingenieure haben mit dem Lada 2101 den viel besseren Fiat 124 gebaut. Sie verstärkten die Karosserie, vergrößerten den Innenraum für die Passagiere, änderten und verbesserten die komplette Hinterachskonstruktion und modernisierten den Motor. Während im Fiat 124 noch ein Stoßstangenmotor arbeitete, wurden im Lada 2101 die Ventile über eine obenliegende Nockenwelle gesteuert.

Vor allem aber machten Sie den 2101 russlandtauglich, also zuverlässig. Nichts am Lada ist kapriziös, dafür alles solide. Der Motor ist kein Fest für die Sinne, sondern ein Arbeitstier. Spätestens bei 3500 Umdrehungen verkündet das Triebwerk kernig und ziemlich ungedämmt aus dem Motorraum, dass hier kein Spaß gehabt, sondern gearbeitet wird. Dafür nimmt es selbst bei Temperaturen weit jenseits des Gefrierpunktes jederzeit und klaglos seine Arbeit auf.

Spartanisch mit Stil

Die Ausstattung könnte man karg nennen. Wer die Heizluft von der Windschutzscheibe auf die Passagiere lenken will, dreht die zwei runden Lüftungsgitter im Armaturenbrett einfach in deren Richtung. Soll der Fußraum beheizt werden, befindet sich unter dem Armaturenbrett das Heizgebläse in Form einer schuhkartongroßen Plastikbox, deren Boden man nach unten aufklappen kann – voila. Mehr an Luxus gibt es im Lada nicht, wenn man eine Heizung, die trotz Regler nur zwei Heizstufen kennt, überhaupt Luxus nennen will.

Trotzdem versprüht das Cockpit eigentlich nur Charme. Ein kleiner Breitbandtacho, eine Benzin- und Temperaturanzeige in kyrillischer Schrift, ein großes Lenkrad mit schönem Chromring als Hupe, drei riesige Kippschalter für Licht, Instrumentenbeleuchtung und Scheibenwischer sowie ein kleiner Gumminknopf, mit dem man durch heftiges Drücken  das Schweibenwaschwasser aus dem Beutel im Motorraum auf die Frontscheibe pumpt – spartanisch mit Stil, so geht Ladafahren.

Ein Auto für harte Pfade 

Außerdem sitzt man gut. Das vinylbezogene Gestühl, von Anbietern aus den neuen Bundesländern gerne aber fälschlicherweise als Leder angepriesen, ist urgemütlich. Die fehlenden Kopfstützen tragen zwar nicht zur Sicherheit, wohl aber zum Raumgefühl im Shiguli bei. Weder vorne noch im Fond fühlt man sich beengt, selbst fünf ausgewachsene Erwachsene können sich im Lada entspannt in die Sessel fläzen – von soviel Bein- und Kopffreiheit wie im 2101 kann man im neuen 5er BMW nur träumen.

Der Rest ist purer Spaß. Die wenigen Zutaten des 2101 sind so sorgfältig verschraubt, dass selbst Fahrten über das unbarmherzigste Kopfsteinpflaster dem Shiguli kein Knacken oder Klappern entlocken. Das Fahrwerk und die Bremsanlage verführen fast schon zu sportlichem Fahrstil, dem lediglich die Drehunfreudigkeit des Motors etwas im Wege steht. Trotzdem kann man mit dem 2101 auf der Autobahn Reisegeschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern bei einem Durchschnittsverbrauch von 9 Litern erreichen, auch wenn ein Gespräch im Innenraum dann kaum mehr möglich ist.

Ein Alfa? 

Die Paradedisziplin des 2101 ist allerdings das gemütliche Dahintuckern über die Flaniermeilen deutscher Metropolen im Sommer. Sind die Ausstellfenster aufgeklappt, weht laue Luft und die Begeisterung der Menschen am Straßenrand über dieses entzückende Auto in den Innenraum. Das sind die süßen Momente im Lada 2101, hier drinnen ist das Leben schön. Bloß nicht anhalten und aussteigen. Denn dann kommt unweigerlich die Frage: „Oh, das ist aber ein tolles Auto! Ein Alfa Romeo, nicht?“