Kaufberatung Fiat / Bertone X 1/9 (1972–1988)

Kaufberatung Fiat / Bertone X 1/9 (1972–1988)

Mit dem X 1/9 bewies Fiat, dass ein Sportwagen mit Mittelmotor keine Unsummen kosten muss. Dafür gab es eine Sportflunder mit Targadach, Einzelradaufhängung und Bertone-Karosserie. Ob der Kauf heute noch lohnt, verrät die Kaufberatung.

Als der Fiat X 1/9 1972 auf dem Turiner Salon debütierte, brachte er eine Menge Zutaten mit, die ihn auch heute noch zum Spaßauto prädestinieren: Mittelmotor, Einzelradaufhängung mit Scheibenbremsen rundum, eine keilförmige Karosserie mit Klappscheinwerfern und zwei sportlich geformte Sitze unter einem Targadach. Diese Mischung erwies sich als so gelungen, dass sie immerhin 16 Jahre lang weitgehend unverändert vom Band lief. Die einzige größere Modifikation gab es Ende 1978: Der Hubraum wuchs von 1300 auf 1500 Kubikzentimeter, gleichzeitig gab es neue Stoßfänger im Eisenbahnschienen-Design und ein überarbeitetes Armaturenbrett.
Wer sich heute für einen „X“ – wie er bei den Fans kurz und knackig heißt – interessiert, muss sich darüber im Klaren sein, dass er einen mindestens 20 Jahre alten Italiener vor sich hat, der in einer Zeit gebaut wurde, als Rostvorsorge noch nicht zu den wichtigsten Punkten im Lastenheft der Autohersteller gehörte. Deshalb ist der Zustand der Karosserie heute – ebenso wie die komplette Anwesenheit der Anbauteile – auch wichtiger als die technische Befindlichkeit bestimmter Komponenten.

Die Karosserie

Die Besichtigung eines X beginnt am besten vorn. Das Frontblech zwischen den Klappscheinwerfern rostet gern an der zum Kofferraum hin angebrachten Wasserablaufrinne. Die Scheinwerferschächte haben zumeist keine oder zu kleine Ablauflöcher, so dass von oben herein laufendes Regenwasser sich auf Dauer seine eigenen Abflüsse schafft – sehr zum Ärger des Besitzers.
Auf dem stabilen Boden des Kofferraums sollte entweder eine Gummimatte oder – bei späteren Versionen – ein Passformteppich liegen. Im vorderen Kofferraum selbst sind die Stehbleche an den Seiten gefährdet, da hier doppellagiges Blech verarbeitet wurde. Der Batterieboden ist oft durch auslaufende Säure angegriffen. Der Wasserkasten unterhalb des Windschutzscheibenrahmens gilt als recht stabil. Der Rahmen selbst hingegen ist ein echtes k.o.-Kriterium: Fortgeschrittene Fäulnis rund um die Frontscheibe ist nur sehr aufwändig zu sanieren und degradierte schon manchen der von Bertone gefertigten Zweisitzer zum Teileträger.
Die vorderen Kotflügel sind verschweißt und rosten gern an der Verbindung zur A-Säule. Braune Pest an den Radläufen hingegen deutet eher auf unsachgemäß konservierte Blechbearbeitung hin, weil einer der Vorbesitzer breitere Gummis auf die Felgen montieren wollte und deshalb die Radläufe in Heimwerker-Qualität umgebördelt oder gar weggeflext hat. Hier hat sich ein Teil des vorderen rechten Kotflügels atomisiert.

Von den Anbauteilen ist zum Großteil Gutes zu berichten. Das Targadach besteht aus Kunststoff und ist daher keiner Korrosion unterworfen. Die Kofferraumdeckel vorn und hinten leiden allenfalls an Kantenrost, der sich aber rasch in den Griff bekommen lässt. Die Türen hingegen sind rostanfällig. Dies betrifft weniger die Türhäute als vielmehr die Böden (Ablauflöcher!) und die Flächen innen hin zur A-Säule. Erstklassige Türen sind daher gesucht und teuer. Der Blick unter die Fußmatten lohnt sich. Hier hat im Fußraum bereits der Rost zugeschlagen.

Am Wagenboden sind vor allem die Wannen vor den Sitzen gefährdet. Die Dämmmatten unter dem Teppich erweisen sich dort gern als Wasserspeicher (wenn z. B. der Wagen einmal mit offenem Dach im Regen stand) und sorgen für verstärkte Korrosion. Innenschweller und Sitzbefestigungen hingegen gelten als unproblematisch. Die vordere Spritzwand rostet dafür gern durch, und auch die Außenschweller verdienen besonderes Augenmerk. Wie bei jedem Fahrzeug verdienen die Bereiche, die Wasser und hochspritzendem Schmutz ausgesetzt sind, besondere Aufmerksamkeit. Hier die hintere linke Ecke des X.

Im Heckbereich sind die Endspitzen gefährdet. Außerdem sollte der hintere Kofferraum gründlich inspiziert werden. Er verfügt ab Werk über einen doppelten Boden, der auf den Längsträgern verschraubt ist: Raus damit, und die Dämmatte darunter ist ebenfalls überflüssig! Der tatsächliche Boden des Gepäckabteils ist ebenso gefährdet wie die Längsträger in Richtung Motorraum. In Letzterem sollten vor allem die Stoßdämpferdome und ihre Umgebung einer sorgfältigen Inspektion unterzogen werden. Korossion im fortgeschrittenem Stadium am Längsträger.

Innenraum

Der Innenraum des X 1/9 änderte nahezu in jedem Jahr in Details sein Aussehen. Allgemein gilt: Das Interieur sollte komplett und ohne Schäden sein. Die Sitze sind zumeist mit einer Kombination aus Kunstleder und Stoff bezogen, was vor allem im Bereich der Nähte häufig zu Aufplatzungen führt. Ebenfalls aus Kunstleder bestehen die Türverkleidungen, die – ebenso wie die Verkleidung hinter den Vordersitzen – ohne nachträgliche Lautsprecherlöcher sein sollten. Original sitzen die Lautsprecher auf der schmalen „Hutablage“ vor der heizbaren Heckscheibe. Im Armaturenbrett ist auf Vollständigkeit Wert zu legen. Vor allem die Schalter (die beim 1300er aus dem Fiat 127/128, beim 1500 Five Speed anfangs aus dem Ritmo I und zum Schluss aus dem Ritmo II stammten) sind im Regelfall neu nicht mehr beschaffbar. Ärgerlich ist, dass die Scharniere an der Klappe des Handschuhfachs bei den 1500er Versionen fast immer gebrochen sind, und auch dafür gibt es natürlich längst keinen Ersatz mehr. Der Teppich zeigt häufig Abnutzungserscheinungen, farbige Teppiche bleichen darüber hinaus gern aus.

Elektrik

Die elektrische Ausrüstung des X 1/9 gibt relativ wenig Anlass zur Kritik. In dem meisten Fällen handelt es sich um Massefehler, wenn beispielsweise beim Bremsen und gleichzeitigen Blinken die Heckleuchteneinheit zur unkontrollierbaren Lichtorgel wird. Öffnet hingegen einer der Klappscheinwerfer nicht oder verzögert, liegt es zumeist an dem entsprechenden Relais. Die (ab 1982 serienmäßigen) elektrischen Fensterheber funktionieren bei regelmäßiger Nutzung meist problemlos, neigen aber zu Standschäden. Bei den Scheinwerfern sind vor allem die Reflektoren gefährdet: sie erblinden gern. Eine im Allgemeinen schwächelnde Elektrik hat ihre Ursache oft im vierpoligen Stecker des Zündschlosses, der gerne Kriechströme oder Verschmorungen produziert.

Technik

Die kurzhubig ausgelegten Motoren der X 1/9 Baureihe stammen aus dem Fiat 128 Coupé 1300 beziehungsweise dem Ritmo 85 (1500). Sie gelten als drehzahlfest und unproblematisch. Ölundichtigkeiten treten manchmal an der Dichtung des Nockenwellenkastens und am Nebentrieb der Benzinpumpe (bei den Vergasermodellen) auf. Der Zahnriemen ist ein Verschleißteil, das spätestens alle 60.000 Kilometer ausgewechselt werden muss. Auch der Keilriemen bedarf des regelmäßigen Wechsels – reißt er, nimmt er oft den Zahnriemen mit ins Verderben.
Das Vierganggetriebe des 1300er Triebwerks lässt sich präziser schalten als die Fünfgangbox am 1500er. Beide Getriebe leiden unter unterdimensionierten Synchronringen, die ihren Verschleiß nach spätestens 80.000 Kilometer durch Kratzen beim Gangwechsel anzeigen. Auch die Kupplung hält selten länger. Die Antriebswellen hingegen sind für die Ewigkeit konstruiert, vorausgesetzt, man hält die Staubmanschetten geschmeidig.
Die Bremsanlage mit den vier Scheibenbremsen besitzt keinen Bremskraftverstärker und erfordert daher einen beherzten Tritt des linken Fußes. Standschäden an der Bremsanlage treten öfter in Form von fest gehenden Bremszangenkolben oder zuquellenden Bremsschläuchen auf. Eine Handbremse ohne Widerstand hat ihre Ursache zumeist in einem gerissenen Handbremsseil.
Das Fahrwerk ist stabil konstruiert. Die Vorderachskonstruktion besteht aus einem Federbein mit Zugstrebe und einem unteren Querlenker an jedem Vorderrad. Die Kugelköpfe der Querlenker sind für rund 100.000 Kilometer gut, wenn deren Manschetten geschmeidig gehalten werden, so dass sie nicht reißen. Die Spurstangenköpfe der Lenkung halten auch die doppelte Laufleistung aus. Hinten werden die Federbeine an Dreiecksquerlenkern mit einstellbaren Hilfslenkern geführt. Die an den Querlenkern verbauten Kugelköpfe haben eine maximale Lebenserwartung von 130.000 Kilometern. Ersatz ist teuer, aber ein Muss, denn sonst wird die Spurführung hinten instabil.

Fazit

Der Fiat X 1/9 hat auch 35 Jahre nach seiner Markteinführung durchaus seinen Reiz. Wie bei vielen Old- und Youngtimern gilt auch hier: Das bessere Fahrzeug ist der bessere Kauf, vor allem, wenn der neue Besitzer kein Schweißpistolen-Virtuose ist. Technische Komponenten wie Antriebs- oder Bremsenteile sind durch das jahrelang bei Fiat praktizierte Baukastensystem zumeist noch verfügbar. Dagegen werden spezifische Teile wie originale Karosseriebleche kaum angeboten, und die wenigen Nachfertigungen lassen qualitativ nicht selten zu wünschen übrig. Zu achten ist daher vor allem auf Vollständigkeit – fehlende Zierteile können zum Beispiel zum Problem werden. Der Anteil an teilzerlegten, abgebrochenen Restaurationsobjekten auf dem Markt ist erstaunlich hoch. Ein komplettes, fahrbereites Exemplar mit nachvollziehbarer Historie ist – buchstäblich – viel mehr Wert.

Mehr Informationen zum Fiat X 1/9

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