Erfahrungsbericht: Kauf eines Porsche 356

Erfahrungsbericht: Kauf eines Porsche 356

Die Anzeige klang verlockend - ein 52er Porsche 356 im Originalzustand zum Schnäppchenpreis. Es hätte nicht viel gefehlt und die Zuffenhausener Sportwagenlegende hätte den Besitzer gewechselt - der neue Besitzer hätte seine rostige Freude gehabt.

Der Anruf kam spät und der Anrufer war sehr erregt. Außer Atem, abgehackt und mit der Euphorie eines dreizehnjährigen Mädchens, das gerade eben Bill Kaulitz von Tokio Hotel gesehen hatte, stammelte er: „Ein 356 A, seit 1966 abgemeldet, im totalen Originalzustand!“ und „Den kauf ich“. Was war passiert? Nun, einer meiner Kunden hatte ein Inserat entdeckt.

„Herr Köhnlechner, wenn Sie da nicht morgen hin fahren, kaufe ich den am Telefon. Da muss man schnell sein, sonst ist der weg!“ Keine Frage, so ein Auto verkauft sich auch unbesehen schnell, gerade weil sich das Bild von einem schlafenden Dornröschen aufdrängt: Ein ganz und gar originaler unverbastelter Porsche 356 A, der seit 36 Jahren in einer Garage vor sich hinschlummert, mit einer gleichmäßigen, zentimeterdicken Staubschicht auf dem etwas matten Erstlack. Möglicherweise ist ein Reifen über die Jahrzehnte platt geworden und die Bremsen sind fest, aber das sind ja Kleinigkeiten. Vielleicht liegt auf dem Rücksitz noch eine auto motor und sport von 1966, dort vergessen, als man die Garagentore für Jahrzehnte schloss. Und dann der Preis. „€ 15.000,-- der Mann weiß gar nicht was er da hat“ jubelte mein Auftraggeber... Keine Frage, dass wollte ich mir genauer ansehen und ließ den Kunden wissen, dass ich den Auftrag übernehmen würde. Der hatte schon vorgearbeitet: „Der, der das Auto inseriert hat ist nicht der Verkäufer, er hat mir aber die Nummer des Besitzers gegeben“. Das war schon mal etwas sonderbar. Denn entweder inserieren gleich die Verkäufer oder die Vermittler hüten die Koordinaten des Eigentümers wie ihren Augapfel. Ich erhielt also von meinem Auftraggeber eine Stuttgarter Telefonnummer.
Ich ignorierte die fortgeschrittene Stunde und versuchte den Eigentümer sofort anzurufen. Leider nahm am anderen Ende der Leitung niemand ab. Am nächsten Morgen hatte ich beim zweiten oder dritten Anruf endlich Glück. Der Besitzer bestätigte mir die Daten des Porsches. Den habe er in jungen Jahren als Zweitbesitzer gekauft und sei bei den Stuttgarter Damen damit sehr beliebt gewesen…
Den Kfz-Brief hatte der Mann zur Hand und gab mir bereitwillig die Fahrgestellnummer. Nun wollte ich den Wagen unbedingt sehen. Doch einen zeitnahen Termin lehnte der Porschebesitzer ab, weil er seinen Laden nicht allein lassen könne und der Porsche in einer Garage in den Stuttgarter Weinbergen stehe. Es war nichts zu machen, selbst die Aussicht auf 15.000 EUR konnten ihn nicht zu einem kurzfristigen Termin bewegen. So verständigten wir uns auf den kommenden Samstag. Ich sollte zu seinem Schlittschuhgeschäft in Stuttgart kommen. Das mutete schon etwas seltsam an – ein Schlittschuhladen und dann noch im Sommer?
Ich fand mich also pünktlich in dem Laden ein, in dem hunderte von Schlittschuhen auf nur etwa 15 qm in meterhohen Regalen bis unter die Decke gestapelt lagen. Ein altes, kleines, hutzeliges Männchen erwartete mich bereits. Er blickte mich durchdringend an und hielt mir erst mal einen Vortrag über Schlittschuhe - und über die Schwierigkeit, den Kehlschliff korrekt in die Kufe einzuarbeiten. Eine Aufgabe, der er sich während unseres Gesprächs mit Hingabe widmete. „Ja, den Porsche wollen natürlich viele haben“ erklärte er mir genüsslich. Dann verpasste er mir einen dreißigminütigen Lektion über die Unterschiede der Schlittschuhkufen bei Holiday on Ice („Die habe ich alle geschliffen!“) und jenen von Amateurläufern („Sehen Sie hier, der Winkel, der muss stimmen, sonst ist das alles nichts“). Über den Porsche konnten wir nur in kleinen Brocken sprechen, denn es entstand eine Art Handel. Ich bekam hin und wieder ein Detail mehr über den Porsche und musste dafür besonders aufmerksam seiner Schlittschuh-Lehrstunde lauschen. Hätte ich gesagt was ich dachte („Komm schon du alter Depp, ich will jetzt endlich den Porsche sehen und deine blöden Schlittschuhe interessieren mich doch einen Sch...dreck“), hätte ich jede Chance verspielt gehabt. Wo doch so viele den Porsche wollten, vor allem mein Auftraggeber. Nach ungefähr einer Stunde hatte ich es überstanden. Er holte den Pappdeckel-Brief des Porsche, der tatsächlich original war und legte ihn nebst der Bedienungsanleitung eines späteren 356-Modells auf seinen klebrigen Tisch. Mit einem unappetitlichen Geräusch löste sich der Kfz-Brief widerwillig vom Tisch, als ich ihn in die Hand nahm. „Allein der Brief ist ja schon 5.000 EUR Wert“ klärte er mich auf. „Eher zweitausend“ korrigierte ich ihn, was ihm gar nicht gefiel. „Man hat mir dafür schon 3.000 EUR geboten“ protestierte er. Warum der Bieter denn nicht den ganzen Porsche wollte, fragte ich ihn. Etwa kleinlaut räumte ein, dass der Porsche nicht mehr in einem so guten Zustand wäre, er sei nass geworden.
Das ganze wurde immer schräger und mein Erwartungsbarometer fiel zusehends. Als er dann mit einem alten Mofa vor mir herfahren wollte, um mir den Weg zu zeigen, konnte ich ihn glücklicherweise überreden, mich in meinem Wagen zu begleiten. Wir fuhren eine kleine Ewigkeit durch Stuttgart, kamen am Mercedes-Werk Untertürkheim vorbei und fuhren nach einer schier unendlichen Fahrt schließlich mitten in die Stuttgarter Weinberge hinein. „Jetzt rechts, nein das war falsch, noch mal zurück, dann da vorne links und dann erst rechts.“, versuchte der alte Mann hilflos den Weg zu finden. Nebenbei versuchte er noch die Belüftungsdüse meines Daimler-Jaguar auszubauen. Schließlich standen wir am Ende des asphaltierten Weinbergweges. „Jetzt müssen wir zu Fuß weiter“ verkündete er wie ein Expeditionsleiter. Der Vergleich hinkte nicht, denn vor uns lag ein steiler, teils begraster, teil bewaldeter Berg, zu dem ein zugewachsener Weg führte. Ab und an hing ein großer, schwerer Ast in niedriger Höhe quer über den Weg oder der Baum wuchs gleich mitten auf dem Weg. „Die Bäume müssen dann weg“ erklärte er, „sonst kriegen sie den Porsche nicht runter“. „Das war halt 1966 noch nicht.“ Endlich erreichten wir ein repräsentatives, gemauertes Häuschen, das mitten am Südhang eines großen Weinberges lag. Die Aussicht war herrlich, was dann kam nicht.

Das Häuschen saß oben auf einer Garage, die in den Hang hineingebaut war. Ein zweiflügeliges, morsches Holztor war davor angebracht. Ein großer Stein sicherte die beiden Flügeltore. Die Tore selbst waren so verzogen, dass die Garagentore wohl seit Jahrzehnten nicht mehr abzuschließen waren. Der Hobbit rollte den Stein schnaufend beiseite und öffnete das Tor.


Ich sah: Ich sah einen Porsche, der einmal in der Mitte durchgerostet war. Und zwar von oben nach unten. Das Dornröschen war ein ausgeplündertes Wrack, ein großer Rostkrümel, der obendrein noch einen bestialischen Gestank nach nassem Rost, Schimmel und Fäulnis verströmte. Die Garage war undicht, der Boden nass. Durch die Lage am Südhang hatte die Sonne jahrzehntelang auf die Garage geknallt und sie in eine Sauna verwandelt.  „Die haben mir mal die Garage aufgebrochen und was abgeschraubt“, erklärte er zu den fehlenden Teilen. Die Sitze fehlten ganz, ebenso die Armaturen, die Scheinwerfer sowieso, auch die Stoßstangen. Das Lenkrad hatte jemand versucht abzureißen und es dabei zerbrochen. Der Motor war ein einziger Rostklumpen: „Na ja, Arbeit braucht der schon“ meinte der Verkäufer. 

Mein Auftraggeber hat den Porsche dann doch nicht gekauft. Das Fahrzeug soll sich heute in München oder Hamburg befinden. Nein, ich habe das Männchen nicht erschlagen. Die zweihundertfünfzig Euro, die ich meinem Kunden in Rechnung stellte haben sich für ihn gelohnt. Sicherlich hätte er hier keinen Sachverständigen gebraucht, aber er war drauf und dran unbesehen zu kaufen. Und vor allem: nicht immer sind die Mängel so offensichtlich wie hier.