Kaufberatung Alfa Romeo Giulia GT (Bertone) 1963 - 1976

Kaufberatung Alfa Romeo Giulia GT (Bertone) 1963 - 1976


Der italienische Feuerstuhl

Wir klären in dieser Kaufberatung, ob der italienische Feuerstuhl "Bertone" nicht nur ein leidenschaftlicher sondern auch ein zuverlässiger Begleiter ist.

Italienische Sportwagen genießen weltweite Anerkennung. Lamborghini, Ferrari, Maserati: diese Marken von Weltruf kennt jedes Kind, denn ihre Produkte spielen in der Top-Liga feinsten Automobilbaus. Viel seltener als früher erklingt der Name Alfa Romeo aus dem Munde kraftfahrzeugbegeisterter Halbwüchsiger. Waren Porsche im Verhältnis einst noch regelrechte Brot-und-Butter-Autos, die in sportlichen Wettbewerben gegenüber den Italienern auch gerne das Nachsehen hatten, scheint Alfa Romeo inzwischen tief gefallen. Das Segment der Supersportwagen wird längst nicht mehr besetzt und die Präsenz im Motorsport ist eher dürftig. Lohnenswert ist daher ein Blick in die Vergangenheit. Ein großer Wurf war damals die von Giorgio Giugiaro entworfene Giulia Sprint GT, die mit femininem Namen und drehfreudigen Motoren viele Männerherzen eroberte. Giugiaro war seinerzeit einer der fähigsten Mitarbeiter der Design-Firma Bertone, die sich offiziell für den Entwurf verantwortlich zeichnete. Ist vom Alfa „Bertone“ die Rede, ist stets dieses wunderschöne Coupe aus dem Werk in Arese gemeint.

Historie

1963:  Vorstellung Giulia Sprint GT mit sog. „Kantenhaube“

1967:  Einführung als 1750 mit 1,8 Liter-Motor

1970:  Modellüberarbeitung, geänderte Front

1971:  2000 GT Veloce mit 131 PS wird präsentiert

1976:  Produktionsende der Baureihe 105

Stückzahlen:  225.215

Motorisierungen: 1300 (89 PS), 1600 (109 PS), 1750 (115 PS), 2000 (131 PS)

Fahreindruck

Eingeführt wurde dieses Giulia Coupe unter der Bezeichnung GT (Gran Turismo = Große Fahrt), was darauf hindeutet, dass es sich um ein stark motorisiertes und einigermaßen komfortables, langstreckentaugliches Fahrzeug handelt. Zu wörtlich sollte man diese Verheißung allerdings nicht nehmen. Die ursprüngliche Bedeutung "GT" führt hier leicht in die Irre, denn der Bertone ist seinem Wesen nach ein Sportwagen reinsten Wassers. Insbesondere im Fahrwerksbereich modifizierte "Bertone" unterstreichen diesen Eindruck nochmals. Auch die Sitzposition, die den Fahrer in eine breitbeinige, froschartige Haltung zwingt, ist gewöhnungsbedürftig und nur mäßig komfortabel. Wer halbwegs hart im Nehmen ist, macht mit ihm klaglos längere Touren. Erfahrungsgemäß nimmt die Lust auf  Bertone-Fernreisen mit zunehmendem Alter jedoch ab, denn der schöne Zweitürer ist speziell mit (häufig nachgerüsteten) kürzeren Federn ein harter Geselle, der ein gewisses Maß an Flexibilität erfordert. Die Entlohnung für diese Bequemlichkeitseinbußen fällt demgegenüber reichlich aus. Der bildhübsche Wagen gilt vielen Alfisti als der schönste Alfa aller Zeiten und bietet bis hin zum herrlich klassischen Innenraum italienisches Sportwagen-Flair der 60er-Jahre in Reinkultur. Für einen Sportwagen ungewöhnlich sind die ellenlangen Schaltwege; der fünfte Gang liegt quasi im Handschuhfach. Das schmale und dadurch wenig griffige Volant sollte gerade bei zügiger Gangart mangels Servounterstützung mit Handschuhen angefasst werden. Absoluter Höhepunkt jedes Alfa ist traditionell der Motor, der im Typ 105 stets vierzylindrig arbeitet und mit seinen halbkugelförmigen Brennräumen, gesteuert durch zwei obenliegende Nockenwellen, die gesamte Karosserie in rythmische Schwingungen versetzt. Die Triebwerke sind an Drehfreude kaum zu überbieten, Befehle des Gaspedals werden geradezu sehnsüchtig erwartet und umgehend ausgeführt. Die kleineren Herzstücke benötigen Touren, um ihre Kraft zu entwickeln, der 2,0-Liter-Motor hat Power schon aus dem Drehzahlkeller, was ihn subjektiv deutlich kräftiger erscheinen lässt als es die Nennwerte auf dem Papier nahelegen. Nur die halbe Wahrheit wäre erzählt, würde man das akustische Erleben unterschlagen. Der alfatypische Motorklang ist phänomenal und wächst sich leicht zu einem infernalischen Konzert aus. Den mailänder Sounddesignern gebührt wahrhaft Ehre, die Konkurrenz konnte mit einer derartigen, das Erlebnis abrundenden Geräuschkulisse nicht aufwarten. Das Nachsehen der Mitbewerber in dieser Hinsicht vergrößert sich noch, wenn der serienmäßige Luftfilterkasten durch offene Ansaugstutzen und das schallgedämpfte Endrohr durch ein sogenanntes Sportrohr ersetzt wird. Gefühlt überschreitet man mit diesen Maßnahmen die Schwelle vom Sport- zum Rennwagen. Nicht ganz Rennwagen ist die hintere Starrachse des Hecktrieblers, die konstruktiv dem Stand der damaligen Technik entspricht. Diese ändert jedoch nichts daran, dass der "Bertone" ein ausgewachsener Kurvenräuber ist, der auf der Landstraße sein bevorzugtes Revier findet. Der Fahreindruck hinterlässt bei jedem Piloten tiefe Spuren und ist nur schwerlich zu beschreiben; Alfa fahren ist einfach nur beglückend.

giulia Sprint GT 1750

Karosserie   

Das bildschöne Blechkleid des Italieners ist (bis auf die Hauben und Türen) komplett verschweißt. Im Gegensatz zu moderneren Fahrzeugen sind die Front und die vorderen Kotflügel nicht verschraubt, sondern bilden mit der Karosserie dauerhaft eine feste Einheit. Instandsetzungsarbeiten werden durch diese Bauweise nicht unbedingt erleichtert. Eigentümerwechsel, Streiks, Bleche aus der untersten Qualitätsschublade und eine mitunter ziemlich lachse Arbeitsmentalität gingen am GT Coupe nicht spurlos vorüber. Fehlende Konservierungsmaßnahmen taten ihr Übriges und so konnte der vielfach rasch einsetzende Rostfraß nicht aufgehalten werden. Das Kapitel Karosserie ist somit das problematischste. Im Blick sollten Interessenten folgende Bereiche haben:

-  Schweller

Eine sensible Partie sind bei Fahrzeugen in selbsttragender Bauweise generell die Schweller. Sind diese marode, was nicht immer leicht erkennbar ist, droht eine aufwendige Restauration dieser Bereiche. Wirtschaftlich lohnt diese Arbeit nicht immer, denn die Giulia GT ist mit Innen-, Mittel- und Außenschweller besonders komplex und rostanfällig konstruiert. Gesunde Bleche sind also Gold wert. Achten sollte man auf unversehrte Wagenheberaufnahmen und sauber schließende Türen. Pfuscher haben bei Bedarf weitere Bleche schlicht außen aufgeschweißt und damit die braune Pest kurzfristig kaschiert. Originale bzw. fachgerecht instandgesetzte Schweller erkennt man übrigens an den senkrecht verlaufenden Fugen im Übergang zu den vorderen Kotflügeln und den hinteren Seitenteilen.

-  Kofferraum  

Gerne nistet sich der Gammel im Heckbereich ein. Augenmerk verdienen die Reserveradmulde, der seitliche Kofferraumboden und die Partien rund um die Heckdeckeldichtung.

-  Türen

Probleme bereiten können auch die Türen, bei denen die Unterkanten und sämtliche Blechfalze ideale Rostnester sind. Anfällig sind auch die Führungen der Seitenscheiben sowie die Türscharniere, die gelegentlich ausgeschlagen sind.

-  Frontbereich

Korrosion befällt bevorzugt die Winkel der Frontmaske im Übergang zum Motorraum, die Radläufe und den Anschluss Bugschürze/Querträger. Der Querträger selbst ist massiv ausgeführt und durch ölschwitzende Motoren häufig gut konserviert. Dennoch sollte dieser auf Rostschäden geprüft werden. Wichtig sind in den vorderen Radhäusern die ab Werk verbauten Schottbleche, die Steinchen, Schmutz und Spritzwasser von den Lampentöpfen und den A-Säulen fernhalten sollen.

-  Bodenbleche

Die Bodenbleche leiden nicht selten unter Feuchtigkeit, die sich unter den Teppichen und Dämmmatten sammelt und das Material - speziell im äußeren Randbereich vorne - zerfrisst.

In jedem Falle sollte man nach Unfallschäden suchen, zudem den Vorbesitzer dahingehend genau befragen. Da die Unfallinstandsetzung bauartbedingt teuer sein kann, wurde nach Kaltverformungen regelmäßig gespart, indem notdürftig nur gehämmert und anschließend gespachtelt wurde.

giulia Sprint GTA

Technik

Die Motoren (1,3 L, 1,6 L, 1,8 L, 2,0 L) sind identisch aufgebaut und sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Da diese, wie viele andere Teile auch, dem Baukastenprinzip folgen und Alfa Romeo die gleichen technischen Komponenten in verschiedene Modelle gepflanzt hat, sind diverse Fahrzeuge inzwischen mit stärkeren Motoren unterwegs. Ob der jeweilige Motor zum Fahrzeug passt lässt sich seitlich am Block des Alu-Motors ablesen. Wer sich nicht schwer versündigen will, fährt den Motor längere Zeit warm, bevor er ihm die Sporen gibt, denn die beinahe 7 Liter (!) Motorenöl wollen ausreichend erhitzt sein, bevor die Schmierarbeit geleistet wird und der Motor nahezu verschleißfrei läuft. Wird diese goldene Alfa-Regel nicht beherzigt, muss mit dem frühen Tod seines "Doppelnockers" rechnen. Die Motoren sind wahre Filetstücke und bei regelmäßigen Ölwechseln (alle 6.000 Km) dennoch grundsätzlich standfest. Folgende Probleme können technischerseits aber auftreten:

-  Vergaser/ Vergaserflansche

Die Gemischaufbereitung erfolgt über zwei 40er-Doppelvergaser (Weber, Solex oder Dell`Orto). Die Synchronisation ist kniffelig und erfordert Fachkenntnisse. Fehleinstellungen erkennt man an unrundem Motorlauf. Die Flansche zwischen Motorblock und Vergaser bestehen aus Gummi und werden mit den Jahren porös. Zieht das Triebwerk dann sogenannte Falschluft, drohen Überhitzungen im Motor in Form von Löchern in den Kolben und verbrannten Ventilen. Bewegt man die Vergaser händisch leicht hoch und runter, darf sich die Drehzahl nicht verändern.

-  Zylinderkopfdichtung

Aufgrund von Verspannungen kann es zu defekten Kopfdichtungen kommen. Dichter weißer oder bläulicher Rauch in den Abgasen künden von derartigen Mängeln. Wird die Kopfdichtung ersetzt, sollte man unbedingt Qualitätsteile verwenden (z.B. vom Herst. Reinz).

-  Auspuff/ Krümmer

Die Hosenrohr-Flansche sind mit einer Kupferdichtung versehen und können undicht werden. Zudem können Vibrationen zur Rissbildung am Auspuffkrümmer führen.

-  Ventilspiel

Das Ventilspiel ist alle 20.000 Km einer Kontrolle zu unterziehen. Die Einstellung erfolgt bei Bedarf mittels kleiner Plättchen. Justieren des Spiels ist anspruchsvoll und nichts für Unerfahrene.

-  Kompression

Geprüft werden sollten nach Möglichkeit die Kompressionsdrücke der einzelnen Zylinder. Dabei dürfen keine Abweichungen von mehr als 2 bar auftreten. Größere Unterschiede deuten auf schwere Schäden im Motor hin.

-  Ölverlust

Geringfügiger Ölverlust ist beim "Bertone" quasi standard und kein Grund zur Beunruhigung. Bereits bei mittleren Laufleistungen kann der Schmierstoffverlust jedoch so hoch werden, dass eine Neuabdichtung des Motors notwendig ist.

-  Getriebe

Die Getriebe sind generell robust, allerdings neigt die Synchronisation des 2. Ganges zu vorzeitigem Verschleiß. Dies gilt fast schon als normal und muss dem Kauf nicht entgegen stehen.

-  Bremsen

Im Alfa arbeiten rundum Scheibenbremsen. Die Sättel der Bremsanlage können nach längeren Standzeiten festgammeln und eine Überholung nötig machen. Entsprechende Rep.-Sätze sind aber am Markt verfügbar.