Kaufberatung Mercedes A-Klasse W168 (1997-2004)

Kaufberatung Mercedes A-Klasse W168 (1997-2004)


ZURÜCK AUS DER ZUKUNFT

Der Märtyrer der Kompaktklasse wird 20 Jahre alt!

Nicht nur Mütter und Ruheständler schworen auf den hochbauenden Golf-Klässler, mit dem Mercedes 1997 Neuland betrat. Doch während der intern W(agen) 168 genannte Kompakte nicht zuletzt aufgrund der Preisgestaltung viele begeisterte Marken-Neukunden gewann und zum Bestseller wurde, wandten sich nicht wenige eingefleischte Sternfreunde bereits nach der Veröffentlichung der ersten Bilder erzürnt ab. Auf den ersten Blick schon war es eine Zumutung. Hatte man in auf behutsame Weiterentwicklung setzenden Kreisen gerade erst mühsam die 1993 erschienene C-Klasse (W202) mit ihren dreieckigen Rückleuchten verdaut, musste hier erneut Nervenstärke beweisen werden. Damals war man geneigt zu glauben, es drohe der Untergang des automobilen Abendlandes. Aus heutiger Perspektive, um viel Erfahrung reicher, wissen wir, das alles war halb so wild und hatte im Gegenteil sogar viel Gutes. Die im sogenannten Elchtest kippende A-Klasse sorgte zunächst für einen Skandal in der Autowelt und anschließend für die Einführung des nach sofortig erfolgtem Lieferstopp eiligst nachgerüsteten Stabilitätsprogramms namens ESP in der unteren Mittelklasse. Nicht nur, dass die Insassen der A-Klasse künftig auf den elektronischen Schleuderschutz vertrauen konnten. Immer mehr potentielle Käufer fragten auch bei Mitbewerbern nach diesem Sicherheits-Assistenten und so sah sich ebenfalls die Konkurrenz alsbald genötigt, das Fahrstabilitätsprogramm frühzeitig und auf breiter Front in der Kompaktklasse einzuführen. Die in der Folge dieser technischen Neuerung, die bis dahin eher der Luxusklasse vorbehalten war, drastisch sinkenden Verkehrstotenzahlen, belegen einen wenig gewürdigten Wert. Der erste Kompakte mit Stern darf  insofern - wenn auch unfreiwilligerweise - als waschechter Märtyrer gelten. Wäre er nicht gekippt, hätte man ihm nicht vorläufig das Vertrauen entzogen, er hätte direkt und indirekt niemals so viele Leben retten können.
Er hat viel für uns getan, der skandalöse hochgewachsene Stuttgarter. Zeit, ihm zu danken.

A-Klasse Entwicklung

Historie in Kurzform

1997: Markteinführung der A-Klasse als A 140 und A 160. Auslieferungsstopp nach Elchtest.

1998: Erneute Einführung mit serienmäßigem ESP. Einführung A 160 CDI und A 170 CDI.

1999: Einführung A 190.

2001: Facelift, Einführung der Langversion.

2002: Erscheinung A 210 Evolution.

Benziner:  A 140 (82 PS), A 160 (102 PS), A 190 (125 PS), A 210 (140 PS)

Diesel:  A 160 CDI (60, 75 PS), A 170 (90, 95 PS)

Fahreindruck

Das Fahrgefühl ist geprägt durch die um rund 20 cm erhöhte Sitzposition, die ein erhabenes Gefühl einerseits und einen guten Überblick über das Verkehrsgeschehen andererseits vermittelt. Die Fahrwerksabstimmung fällt, auch dem Elchtest geschuldet, straff und gerade in den ersten Jahren wenig komfortabel aus. Die kleinen Benziner entwickeln ihre Kraft gleichmäßig und ohne besonderes Temperament über das gesamte Drehzahlband. Kräftiger sind die 95-PS-Dieselmotoren, die aber angesichts der Feinstaubdebatte, drohender Gesetzesänderungen und aufgrund der hohen Steuersätze eine wohlüberlegte Anschaffung sein sollten.
Wählt man eine moderate Motorisierung, hält dieses Modell nicht zuletzt wegen des früh und drastisch eingreifenden ESP und des zu heftigen Nickbewegungen neigenden Fahrwerks für Eilige tatsächlich nur wenige Argumente parat. Sehr sportlichen Naturen gilt die A-Klasse mitunter als regelrechtes Hassobjekt. Im Kreise versierter Sportfahrer fällt der Begriff A-Klasse seit jeher selten, ohne Tiraden nach sich zu ziehen. Vergleiche mit Konkurrenten wie dem Audi A3 gehen in diesem Kapitel sicherlich zulasten der A-Klasse. Allerdings müssen hier der Fairness halber die unterschiedlichen Entwicklungskonzepte berücksichtigt werden; ein Sportwagen wollte der W168 nie sein.
Unangenehm fällt vielen die ungewöhnliche Sitzposition auf, die der Fahrer durch den Sandwich-Boden und das steil stehende Lenkrad unweigerlich einzunehmen hat. In der Tat, Ergonomie ist seine Stärke nicht. Ein Ausschlusskriterium liegt hier jedoch nicht vor.

 A klasse Vor Mopf

Karosserie und Innenraum

Die futuristisch gestalteten Formen (außen und innen) waren ihrer Zeit weit voraus. Nach einer langen Ära relativer Geradlinigkeit war die A-Klasse eine Design-Revolution. Heute aber ist die Vergangenheit in der Zukunft angekommen und man trifft sich in der Gegenwart. Für die überaus Altmodischen unter den Mercedes-Käufer bleibt es vielleicht vorläufig noch ein Entwurf der Zukunft, der noch weiterer mühevoller Gewöhnung bedarf. Für alle anderen wartet der W168 immer noch mit einem halbwegs aktuellen Äußeren auf.
Geglänzt wird aber vornehmlich im sehr variablen Innenraum. Die Rückbank lässt sich 1/3 zu 2/3 teilen und bedarfsweise auch ganz ausbauen, wodurch ein Laderaum von 1740 Litern Volumen entsteht (1930 Liter bei der Langversion). Im Normalfall sind es bei Kurz- und Langversion immerhin 390 Liter. Wem das alles nicht genügt, der konnte optional sogar einen ausbaubaren Beifahrersitz ordern. Hier lautet das Prädikat: Super-praktisch! 

Schwachstellen und Probleme der A-Klasse (W168)

Die Qualität der Bauteile ist zwar erwartungsgemäß nicht immer auf dem Niveau der in Stuttgart gefertigten Oberklasse-Pkw, dennoch präsentiert sich die A-Klasse als verlässlicher Gefährte, bei dem im Allgemeinen nicht an der falschen Stelle gespart wurde. Bei der Hauptuntersuchung zeigt sich diese Stärke deutlich; bis auf eine Ausnahme hebt sich der Mercedes W168 in allen Baugruppen durch unterdurchschnittliche Mängelauffälligkeit ab. Einzig im Fahrwerksbereich (Längslenker hinten) schwächelt er häufiger als der Durchschnitt der geprüften Fahrzeuge in seiner Klasse. Im Alter offenbaren sich naturgemäß weitere Schwächen. Im Blick behalten sollte man daher an der Vorderachse die Koppelstangen und die Stabi-Buchsen, die durch Klappern und Poltern auf sich aufmerksam machen. Auch in der unteren Windung gebrochene Federn und einseitig wirkende Bremsen sind ein Thema. Nicht zu empfehlen sind das aus Japan stammende Automatikgetriebe (Lamellenbrüche) und das automatische Kupplungssystem AKS (defekte Steuergeräte und Hydraulikeinheiten). Überdies kam es bei Benzinern bis März 2001 vermehrt zu defekten Zündmodulen und bei den Dieseln über die gesamte Bauzeit hinweg zu gelegentlichen Undichtigkeiten der Injektoren. Spezielles Augenmerk sollte dem Unterboden gelten. Beim Rostschutz wurde ärgerlicherweise gespart. An verschiedenen Stellen (gerne auch unter Verkleidungen und im Tankbereich) nistet sich die braune Pest ein und zerstört auch unbemerkt im Verborgenem. Angeraten ist hier eine nachträgliche Konservierung, selbstredend erst nach sorgfältiger Vorbereitung.

Reparaturfreundlichkeit/ Ersatzteilkosten

Die Reparaturfreundlichkeit hält sich leider in Grenzen. Wartungsarbeiten im Motorraum erfordern Geduld und Geschicklichkeit, die Platzverhältnisse sind reichlich beengt. Für den Austausch von Anlasser oder Wasserpumpe muss zwangsläufig gar der gesamte Motor abgesenkt werden. Hier fordern die kompakten Außenmaße und die Sandwich-Konstruktion ihren Tribut. Einigermaßen begabte Selbstschrauber sollten die Sache aber gut in den Griff bekommen. Ersatzteile sind gut verfügbar und preislich auf erträglichem Niveau (für MB-Verhältnisse), wobei der Markt Unmengen gebrauchter Teile bereithält und über das Internet neue Verschleißteile günstig zu beziehen sind.

 A Klasse Werk

Marktlage/ Preisentwicklung

Es sind rosige Zeiten für Interessierte. Im Hinblick auf die Marktsituation könnte die Lage kaum besser sein. Die Auswahl ist riesig, die Preise klein. Bereits für einige Hundert Euro gelingt der Einstieg. Uunterhalb von 1.000 Euro sollte man jedoch Vorsicht walten lassen. Der bessere Wagen ist der bessere Kauf und so wie einst wird niemand mehr durch hohe Preise von der Anschaffung abgehalten. Zu knauserig darf man hier also nicht sein, bekommt man doch genug geboten für sein Geld. Mit einem weitergehenden Preisverfall ist nicht mehr zu rechnen, genauso wenig wie mit plötzlichen Preissprüngen nach oben. Es erfordert demgegenüber keine hellseherischen Fähigkeiten, um der nun zum Youngtimer gereiften, ersten A-Klasse eine stetige Wertsteigerung zu prognostizieren. Der Startschuss dafür ist eventuell noch nicht gefallen. Verlassen kann man sich auf eine solche Entwicklung künftig aber in jedem Falle. Und wenn es der konstante Export dieses Modells in alle Herrenländer ist, der ihn irgendwann zu einem zunehmend raren Gut hierzulande werden lässt.

Fazit

Ob die A-Klasse von Sportfahrern und ewiggestrigen Mercedes-Fans bisher für voll genommen wurde oder nicht, die Missachtung, die ihr lange zuteil wurde, ist nicht mehr zeitgemäß. Ob es an der zwischenzeitlich entstandenen Patina oder an der bekanntlich alle Wunden heilenden Zeit liegt, ist nicht überliefert. Auszumachen ist ein zunehmend versöhnlicher Blick auf dieses Modell, der in den letzten Jahren fast schon gefällig anmutet. Eine erstaunliche Feststellung, insbesondere dann, wenn man sich eingestehen muss, selbst einer dieser Ewiggestrigen zu sein, für den die A-Klasse quasi der größte anzunehmende Unfall war. Am Sternenhimmel gehört der solide Kleine mit seinem Design aus der Zukunft, der kompletten Sicherheitsausstattung und dem extrem variablen Innenraum zwar noch längst nicht zu den Großen. Mercedes sollte jedoch Recht behalten. Die Entwicklung des W168 war dem Bestand und dem geschäftlichen Fortkommen der Marke durchaus zuträglich. Mehr noch, es handelt sich um einen ernst zu nehmenden Beitrag zur deutschen automobilen Kulturgeschichte; Märtyrer hin oder her.

Text: Hendrik Bartels
Bilder: Mercedes-Benz Press