Wer wird Millionär? – Opel Rekord D

Wer wird Millionär? – Opel Rekord D


Marktbeobachtung

Nomen est Omen: Über Jahrzehnte prägte Opels Mittelklasse-Volumenmodell Rekord die bundesdeutschen Zulassungszahlen, und dies nicht ohne Grund. „Opel – der Zuverlässige“ prangte zu Recht in den Heckscheiben dieser mechanisch unverwüstlichen Spezies, deren D-Generation auf Anhieb auch die frische Consul- und Granada-Konkurrenz in ihre Schranken wies.

Das überraschendste Element am D-Rekord war der Zeitpunkt seines Erscheinens. Eigentlich, so befand das etwas verwunderte Publikum, hätte doch der barock geschwungene C-Rekord noch keiner Ablösung bedurft. Rüsselsheim dachte anders, und in einem historisch einmaligen Fall verfügte GM-Lenker Bob Lutz nach eingehenden Testfahrten mit Vorserienfahrzeugen höchstpersönlich, dass der Neue eine straffere Federung erhalten solle. Ein Amerikaner! Straffere Federung! Ebenso nahe liegend hätte ein Beschluss der Stadtverwaltung von Groß Gerau gewirkt, nur noch Tatra-Behördenfahrzeuge zu kaufen.

Mit glatter, sachlicher Form glitten die neuen D-Rekord ab 1972 durch den Verkehr. Das flache, etwas bauchige Styling traf den Geschmack der Zeit. Erst beim zweiten Blick fielen Details wie das nach hinten mittig spitz zulaufende Dach auf, dessen Knick sich in der Heckscheibe fortsetzte. Auch der Vorderwagen besaß diese Spitze, die den Rekord vor allem in der Silhouette leicht amerikanisch anhauchte.

Während bereits außen fast gänzlich auf Chromschwulst verzichtet wurde, regierte auch innen der Purismus. Spindeldürre Hartkunststoff-Lenkräder, spärliche Instrumentierung und eher uncharmante Verkleidungen bestimmten das gutbürgerliche Auto. Aber der D-Rekord konnte auch anders: In der extrem plüschigen Berlina-Variante protzten Velours, Chrom, Plastikholz und zweifarbige Innenausstattungen um die Wette, während außen polierte Radkappen, Zierleisten, Stoßstangenhörner und auch Vinyldächer klar machten, was Opel unter Luxus verstand. Dazu gesellte sich als absoluter Hingucker die wirklich zeitlos gezeichneten Coupés, die Menschen über 1,90 Meter jedoch nur schwerlich als bequem empfinden konnten. Die Caravan-Variante wiederum etablierte sich als Bestseller auf dem Kombimarkt. Und als der "D" seine magische Produktionsmarke erreichte, lancierte Opel flugs das passend "Millionär" getaufte Sondermodell. Günther Jauch kaufte keinen. Der fuhr Renault 4.

Noch 20 Jahre alte D-Rekord verkauften sich bestens und bereiteten noch ihren Siebtbesitzern Freude. Ich erinnere den mintgrünen 1.9 N Berlina mit kupferfarbener Innenausstattung, den ich insgesamt drei Mal im Freundeskreis vermittelte, bevor ich ihn zwei Mal selbst kaufte. Fehlende Zierleisten, Außenspiegel, Stoßstangenhörner sowie Ersatz für den gern reißenden Bowdenzug des Rückwärtsgangs im Schalthebel erhielt man seinerzeit problemlos auf den unzähligen Schrottplätzen, die einem Panoptikum der Automobilgeschichte glichen. Diese sind längst nüchternen Verwertungslandschaften gewichen, wie die D-Rekord in den Klassiker-Olymp aufgestiegen ist. Warum bloß habe ich meinen verkauft? Aber das frage ich mich bei allen meinen ehemaligen Fahrzeugen.