Wanderdüne – Mercedes 220 D /8

Wanderdüne – Mercedes 220 D /8


Marktbeobachtung

Wenn einen vor 20 Jahren auf der Landstraße plötzlich 32 rote Lampen fröhlich anglühten, dann bedeutete das keine Dorfkirmes, sondern ein mit Vollgas fahrenden Mercedes /8. Erwähnte Lampen gehörten zu den dahinter angestauten 16 Fahrzeugen. Hätten Sie damals bereits ein Handy zur Verfügung gehabt, Sie hätten Ihre Termine getrost absagen können. Einziger Trost: Die Typen im Strichacht waren bereits drei Stunden unterwegs, um rechtzeitg ans 100 Kilometer entfernte Ziel zu gelangen.

So kam man halt neunzig Minuten später zur Verabredung. Machte ja nichts, man war pünktlich zu Vorstellungsende vorm Kino, hatte sechs D-Mark für die David-Hasselhoff-Schmonzette gespart und die Handlung, so sie überhaupt vorhanden war, konnten einem ja immer noch die verpassten Kumpels erzählen.

Man musste damals einen Mercedes /8 Diesel einfach hassen. Sie waren rostig, sie waren laut, sie waren schmutzig, sie puderten den gesamten Regierungsbezirk mit dem ein, was man noch nicht einmal als Feinstaub bezeichnen kann. Was im Prinzip ein Vorteil war und zur Gesamtcharakteristik des /8 Diesel passt: Denn die Heizoel (mit "oe" geschrieben, jawohl!) Ferraris, wie man sie seinerzeit nannte, waren grundehrliche Autos. Man sah ihnen an, dass sie Schadstoffe produzieren – heute glauben ja alle, Neuwagen hinterließen saubere Luft.

Grundehrlich war der /8 aber auch sonst. Er wurde braun, wenn er rostete, er wurde immer schneller, wenn man nur die 48 Sekunden bis 100 km/h gewartet hatte, dann hielt diese Eisenhaufen aber auch so gut wie nichts mehr auf. Was mich an einen Freund erinnert, der aus Damen-Rentnerhand einen /8 erwarb, kurz darauf beim Niesen den Vordermann und das Bremsen vergaß. Die Folge waren eine leicht gestauchte /8-Front nebst verbogenem Stern und ein Golf II "Fire and Ice", den Lorenz mit seiner Benz-Bastion in das Sondermodell "Schall und Rauch" verwandelt hatte: Die Hinterachse unter der Rücksitzbank, die hintere Stoßstangenecke drei Zentimeter vom Hinterkopf des Fahrers entfernt. So waren sie halt, die Daimler: Verdrängung statt Verformung.

Schön waren sie nicht. Zumindest nicht in der horriblen Kombination, die auch unseren Netzfang beherrscht: Erbswurstsuppengrün mit nougatfarbenen (oder was noch so an unappetitlichen braunen Substanzen anfällt) und schweißtreibenden Kunstlebersitzen namens MB-Tex – die teutonisch-mobile Antwort auf alle stationären finnischen Saunas.

Nachdem Bürgertum und Bürgerschrecks (kein verbrauchter /8, der Ende der 80er nicht von einem Anti-AKW-Aufkleber zusammen gehalten wurde...) die Kiste für sich entdeckt und wieder abgelegt hatten, kaufte ich mir auch einen. 1993 war das. In Forstgrün mit brauner Stoffsitzaussttattung. Auf dem Heckdeckel ein Anti-AKW-Kleber. Der war echt schön. Vor allem die Farbkombi innen/außen. Durch die Webasto-Ladeluke namens Schiebedach strömte das Sonnenlicht, den Regen vertrieben die Schmetterlingswischer und das Radio übertönte die hinter mir mehr oder weniger fahrenden, dafür aber um so energischer hupenden 16 Autos.

Immer locker, Jungs. Wir sind hier ja schließlich nicht auf der Autobahn!

Oh. Doch.