Vorstellung: Siata 300BC (1953)

Vorstellung: Siata 300BC (1953)


Portrait

Einmal die Mille Miglia mitfahren! Welch ein Traum - und die Wirklichkeit ist sogar noch besser, wie Uwe Wießmath feststellen durfte

"Objektiv zieht das Auto keine Wurst vom Teller, subjektiv meinst du, du fliegst." Das ist das Etceterini-Feeling. Uwe Wießmath (Siata) ist 1,72 groß und erreicht damit so ziemlich den maximalen Wuchs, den man für einen Siata 300BC haben darf. Das Auto selbst ist 3,24 m lang, hat also ungefähr das Format eines Fiat 500. Der aber ragt über dem Siata auf wie ein Berg.

"Das Auto ist nicht sehr schnell, was will man von 40 PS erwarten, aber man sitzt in einem richtigen Rennwagen: laut, hart, direkt. Ein 356er Porsche ist ein Lastwagen dagegen."

Wießmath kommt ins Schwärmen: von den schwingenden Sträßchen zwischen Cremona und Brescia, nur milde Steigungen, dort konnte er den kleinen Heuler unter der Haube auf optimaler Drehzahl halten, zwischen fünf- und sechstausend. Die großen Jungs mit ihren schweren Kalibern hatten hier Mühe, am Siata vorbeizuziehen. Dieser Streckenabschnitt machte dermaßen Spaß, dass Wießmath vor Seligkeit mit dem Motor hätte mitheulen mögen.

Ja, das war auf der Mille Miglia. Uwe Wießmath ist anno 2006 mitgefahren, und er fand es absolut großartig. Einst waren die 1000 Meilen von Brescia eins der härtesten Rennen der Welt. Inzwischen ist es eine Oldtimerveranstaltung, die zwar nicht mehr ganz so gnadenlos gefahren wird wie früher, aber immer noch Fahrer und Auto fordert wie kaum etwas anderes.

Die Mille Miglia - einmal mitfahren dürfen ... 

Die Mille ist vielen deutschen Oldtimerfans Zielpunkt eines Kurzurlaubs im Mai - aber mitzufahren ist ein wahrhaft exklusives Vergnügen. Die Mille ist eine Hochprofil-Veranstaltung, man muss beste Beziehungen haben, um einen der wenigen Startplätze zu bekommen, die nicht an große Sponsoren gehen. Privatleute haben nur schmale Chancen: "Ich hab mich zehn Jahre lang um einen Startplatz beworben, es ist wie eine Lotterie - man braucht Geduld und Glück."

Vor allem braucht man aber ein Auto, das sich zum Start qualifizieren kann. Zugelassen sind nur Fahrzeuge, die sich für das ursprüngliche Rennen qualifiziert hätten, also bis Baujahr 1957. Da fallen einem zuerst die Helden von damals ein: Achtzylinder-Alfas, Maserati, 550 Spyder, Flügeltür-SL. Aber auch Ponton-Mercedes sind mitgefahren, Fiat Topolinos und Isetten. Und im Mittelfeld, zwischen den donnernden Giganten und den Alltagskutschen auf Rennurlaub, da heulten die Etceterini.

Etceterini: die Winzheuler im Mittelfeld

Das sind kleine Flitzer, die in den Fünfzigern aus winzigen italienischen Manufakturen rollten und sich auf der Rennstrecke genauso feurig und wild gebärden wie im Straßenverkehr. Stanguellini, Bandini, Moretti oder Giannini steht ihnen auf die Haube geschrieben, Etceterini nennt man sie halb liebevoll halb ironisch in Italien. Diesseits der Alpen kennt sie kaum einer.
Wießmath erlebte 1991 zum ersten Mal die Mille Miglia, als einer von vielen Zuschauern. "Da hab ich mich in diese Autos verliebt. Nicht in die großen und berühmten, die sind natürlich auch toll, aber ich fand die kleinen viel interessanter, für die es viel mehr bedeutet, bei diesem Tempo mitzuhalten."

Die Etceterini stahlen ihm das Herz - als er nach dem Italien-Ausflug wieder daheim war, machte er sich bald auf die erste Etappe des langen Wegs zum Mille-Startpodest: "Allein schon ein Auto zu finden ist nicht so einfach, besonders wenn man nur ein begrenztes Budget hat. Wenn ein Auto für die Mille qualifiziert ist, kann allein diese Tatsache den Preis verdoppeln. Ich hatte schließlich Glück in den USA, dort bot ein spezialisierter Händler meine Siata 300BC an. Von Siata wusste ich vorher so gut wie nichts, aber das Auto sagte mir genau zu."

Siata? Nie gehört 

Siata betätigte sich ähnlich wie Abarth zuerst mit dem Tunen von Serienautos und begann Anfang der Fünfziger mit dem Bau eigener Autos in kleinen Auflagen. Vom 300BC, der Berlinetta Competizione, entstanden zwischen 1952 und 1954 etwa fünfzig Exemplare. Einige Teile der Aufhängung und der Mechanik stammen vom Fiat Topolino; Chassis und Karosserie sind Schöpfungen von Siata. Die Autos wurden ohne Motor ausgeliefert, die meisten gingen in die USA, und dort stand ein trefflicher Motor bereit: der Crosley CIBA.

Das Kürzel steht für Cast Iron Block Assembly, Gusseisenmotor (es gab auch eine ultraleichte Stahlblechversion). Der Motor hat seine Existenz als Klappenantrieb für US-Bomber begonnen und als Rennmotor seine wahre Berufung gefunden, weil er mit geringen Modifikationen bis 8500/min dreht und dann 40 PS aus 750 Kubik holt. Perfekt für den Siata. Uwe Wießmath kaufte den Siata am Telefon und hatte Glück - sein Auto kam wie beschrieben an, er musste nur die Vergaserabstimmung in den Griff bekommen und war Mille-bereit. Damit begann die zweite Etappe: das Warten auf den Startplatz. Das zog sich zehn Jahre lang hin.

Hat es sich gelohnt? "Auf jeden Fall. Mille Miglia ist gnadenloses Autofahren, das bekommt man in der Form sonst nicht. Bis tief in die Nacht feiert das Publikum überall an der Strecke, das ist wunderbar. Aber am allerbesten ist es in den frühen Morgenstunden, auf dem letzten Streckenabschnitt zurück nach Brescia, da fällt alles ab von einem. Nachher ist man so voller Emotionen und Eindrücke, davon kann man ein ganzes Jahr lang zehren ..."

Diese Heldengeschichte entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Siata. Sein Fahrzeug finden Sie hier.

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