Vorstellung: Opel Diplomat A (1964–1968)

Vorstellung: Opel Diplomat A (1964–1968)


Portrait

Mit dem Opel Diplomat A blies Opel in den sechziger Jahren zum Halali auf die S-Klasse aus Stuttgart. Mit durchaus angehehmen Nebenwirkungen für die Fahrer des Dickschiffes aus Rüsselsheim – wie Carsablanca-Mitglied Jens Dell' Ali bezeugen kann

Es ist, auch heute noch, als fahre Herr Generaldirektor persönlich vor. Wenn Jens Dell’Ali (Gutachter) an der Ampel hält, dann gleitet die creméfarbene Limousine erhaben auf das Rotlicht zu, schaltet mit der Gelassenheit eines englischen Landgrafen in den unteren von zwei Automatik-Gängen und rollt schließlich wie das Blech gewordene Selbstverständnis aus Eleganz und Kraft auf seine Position als Platzhirsch an der Haltelinie. Und wenn der 41-Jährige wieder Gas gibt, bei Grün, lässt er beeindruckte Fußgänger und Autofahrer in der ungefilterten Abgaswolke eines V8-Motors zurück, der noch von weitem her donnergrölend klar macht, dass der 1966 gebaute Opel Diplomat keinen Zweifel an seiner Autorität auf dem Asphalt duldet. Das knapp zwei Meter breite und fünf Meter lange Schiff ist das pure Prestige, und das liegt allein schon in seiner Geschichte. Damals, in den 60er Jahren, war die Wirtschaft in Deutschland mächtig in Schwung, und vor allem Industrielle und Vorstandsmitglieder dürstete es immer mehr nach standesgemäßen Karossen. In Zeiten, in denen Volkswagen Käfer und Opel Kadett nahezu jeden Angestellten ins Büro brachten, sollten die Wagen für die Chefetagen luxuriös und mondän, eben stilsichere Repräsentanten des wirtschaftlichen Erfolges sein. Die Automobile Chefetage war zu dieser Zeit, wie zu Kriegszeiten schon, von Mercedes besetzt – wer etwas auf sich hielt, fuhr S-Klasse. „Opel wollte das irgendwann nicht länger hinnehmen, die Mannen aus Rüsselsheim wollten auch ein Stück vom Kuchen und bauten die KAD“, sagt Dell'Ali.

KAD, das steht für Kapitän, Admiral und Diplomat, drei Modelle, äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden, kantig, fast so, wie amerikanische Straßenkreuzer. Gebaut in der A-Serie zwischen 1964 bis 1968 und in der moderneren B-Version von 1969 bis 1977, waren es hauptsächlich Leistung und Innenraum, die den Kapitän und den Admiral zu Einsteigermodellen in die Oberklasse und den Diplomat zum Flaggschiff der Rüsselsheimer Fahrzeugflotte machten. „Der Wagen ist eine erkennbare Kooperation zwischen Opel und der amerikanischen Muttergesellschaft General Motors“, sagt Jens Dell'Ali.

Mit V8-Power gegen den Stern aus Stuttgart

Um den Pomp aus Stuttgart allein technisch schon zu übertrumpfen, setzte das deutsch-amerikanische Entwicklerteam im Diplomat ein Zweigang-Powerglide-Getriebe ein. Und weil in der S-Klasse höchstens 170 PS aus einem Reihensechszylinder an den Start trabten, versenkten die Opel-Konstrukteure einen Chevrolet-V8 im mächtigen Motorraum des Diplomat. Dem Wagen brachte das bis zu 200 PS und eine Spitzengeschwindigkeit von annähernd 200 Stundenkilometern.

„Auch von innen war der Wagen die Wucht“, sagt Dell'Ali. „Er hatte, das war für damalige Zeiten etwas ganz besonderes, schon Liegesitze und elektrische Fensterheber.“ Doch  trotz des ganzen technischen Prunk und dem noblen Innenraum konnte Opel nicht richtig punkten: Während Mercedes allein vom 220 SE zwischen 1961 und 1971 knappe 17.000 Exemplare verkaufte, setzten die Rüsselsheimer von ihrer Prestige-Limousine nur 9000 Stück ab. Als Coupé, gebaut von Karmann, wurden sogar nur 304 Stück ausgeliefert.

Dass er jemals einen bekommen würde, hätte Jens Dell'Ali, der Kfz-Gutachter aus dem schleswig-holsteinischen Bargfeld-Stegen, deshalb nie geglaubt. Etwa 100 Diplomat A, so schätzt er, fahren heute noch in Deutschland herum. „Ich verbinde sehr viel mit dem Wagen, weil mein Vater einen Admiral hatte und der ja auch aus der KAD-Serie stammt“, sagt er. „Deshalb war er immer mein Traumauto.“ Ein Wagen, der unerreichbar schien, bis zu jenem Tag im November 2006, an dem er sein Traumschiff sah. Zuerst aus dem Auto heraus und nur aus dem Augenwinkel, dann bremste er ab und sah genauer hin. Auf dem Parkplatz eines Baumarkts in Hamburg stand wirklich einer, schwarzes Vinyldach, Weißwandreifen, gut in Schuss und bestimmt nicht zu haben.

Schicksalhafte Fügung auf dem Baumarktparkplatz

Dell'Ali stieg trotzdem aus. Nervös huschte er um den Wagen herum. „Ich wartete auf den Fahrer und als er kam, traute ich mich erst gar nicht, ihn zu fragen, ob er den Wagen verkaufen würde.“ Der Mann, ein  paar Jahre jünger als Dell'Ali, aber überraschte. Ja, er wolle verkaufen, nach zehn Jahren Verbundenheit sei es nun Zeit sich zu trennen. Zehn Jahre, dachte Dell'Ali, eine lange Zeit, und dann erkannte er, dass der Baumarktparkplatz der Ort einer schicksalhaften Wiederbegegnung war: Zehn Jahre, so lang war es her, als der Mann mit seinem Diplomat in Hamburg vor ihm her gefahren war und auf sein Zeichen hin angehalten hatte. Doch damals wollte er nicht verkaufen, zu lieb sei ihm sein gerade neu erworbenes Schmuckstück dafür. „Beim zweiten Anlauf hat es dann geklappt“, sagt Dell'Ali. Kurz darauf verkaufte der Gutachter seinen alten Käfer, um Platz zu schaffen für den Diplomat. „Meine Frau war erst ein bisschen traurig, weil sie den Käfer sehr gern hatte“, sagt der 41-Jährige. „Aber, weil sie weiß, dass der Wagen mein Kindheitstraum war, fand sie es dann doch nicht so schlimm.“ Der Traum auf Weißwandreifen enttäuschte den Schleswig-Holsteiner nicht. Tatsächlich hatte ihn sein Expertenblick nicht betrogen, das 1966 gebaute Auto war für sein Rentenalter erstaunlich gut erhalten. „Ich musste nur einigen Zierrat und Blinkerteile austauschen und ein paar kleine Roststellen beheben, ansonsten war nicht viel zu tun“, sagt Dell'Ali. Im Innenraum störte ihn allein eine kleine Blumenvase: „So etwas gab es damals nicht, weil diese großen Autos meistens von feinen Herren gefahren wurden und die sich häufig auch noch chauffieren ließen. So ein Kleinkram wäre da nicht stilecht.“

Genau darauf aber ist Dell'Ali bedacht. Wenn er herumfährt, achtet er sehr genau darauf, die 60er Jahre zu repräsentieren. Dann klingen Kompositionen von Bert Kaempfert aus dem dem Autoradio, das der 41-Jährige mitsamt Boxen versteckt eingebaut hat, weil es das früher auch nicht gab. Al Martinos „Spanish Eyes“ oder Frank Sinatras „Strangers in the Night“, Easy Listening, entspannt und stilvoll, ganz wie der Wagen, das passt auch zum alten Ledergeruch im Innenraum. „Und wenn ich irgendwo parke, dann lege ich auch manchmal meine  Autofahrerhandschuhe über das Lenkrad, wie es damals die Chauffeure getan haben.“

Immer die gleichen Fragen beim Einparken 

Parken, das ist mit dem Diplomat häufig mehr als nur Aussteigen nach dem Blinken. Vielmehr ist es ein Erlebnis, für das schon die amerikanischen Ausmaße des Oberklasse-Gefährts sorgen, und die  Leute, die ständig stehen bleiben. Vor allem Ältere fühlen sich an frühere Zeiten erinnert. „Es gibt meistens eine von zwei Aussagen dazu: Entweder sagen die Leute, sie kennen jemanden, der früher auch einen KAD gefahren ist, oder sie spielen auf den Spritverbrauch an“, sagt Dell'Ali. 30 Liter ist oft die nicht ganz ohne neidischen Spott gegen das Auto geworfene Schätzung, fresse der donnernde Achtzylinder doch ganz bestimmt. Eine Fehleinschätzung, sagt der 41-Jährige. Er fahre moderat, und da komme er gut und gern mit 13 bis 14 Litern hin. Das reiche aus für 110 bis 120 Stundenkilometer, die eingetragenen 200 Spitze fahre er eh nicht: „Der Wagen soll ein entspanntes Rentendasein erleben.“ Und deshalb fährt er damit auch nur selten, nur bei Trockenheit und  Sonnenschein, 6000 Kilometer bisher, vor allem Landstraße und zu Autotreffen nur in der Nähe. „Ich hatte eine Einladung zum Treffen bei Opel in Rüsselsheim, aber das sind 1000 Kilometer, und das will ich dem Wagen nicht zumuten“, sagt der Gutachter.

Viel lieber fahre er zu kleineren Oldtimer-Shows, da nämlich sind dann auch immer die nicht ganz so seltenen S-Modelle von  Mercedes  zu sehen, und denen stiehlt er regelmäßig die Schau. „Die Leute gucken häufig bei mir, weil mein Auto einfach wesentlich seltener ist“, sagt Dell'Ali. „Und wenn ich neben einer ganzen Batterie alter S-Klassen stehe, würdigen mich deren Fahrer manchmal keines Blickes.“ Die Konkurrenz aus den 60ern ist noch immer zu spüren, damals verlor Opel gegen die Stuttgarter, doch die deshalb kleine Serie macht den Diplomat heute zum Sieger. „Irgendwie lustig“, sagt der 41-Jährige.

Viel lieber als zu Treffen fährt Dell'Ali aber einfach rum. Zur Eisdiele mit seinen vier und acht Jahre alten Töchtern, die dank nachgerüsteter Gurte auf dem Rücksitz ebenso sicher sitzen wie in einem einigermaßen neuen Auto, sagt Dell'Ali. Oder auf der Landstraße eben, bei Sonnenschein vorbei an den Feldern und Wiesen, mit kesselndem V8-Aggregat. „Unangenehm wird es nur dann, wenn die Leute hinter mir wahnsinnig dicht auffahren, um lesen zu können, um was für ein Auto es sich handelt“, sagt er. „Scharf bremsen darf man da nicht, sonst hängen die direkt drauf, und als Gutachter weiß ich, weiß ich, wie böse das für einen Oldtimer-Fahrer ausgehen kann.“

Doch auch gegenüber Dränglern versteht es der Diplomat, sich gelassen Respekt zu verschaffen. Ein kleiner Tritt nur auf das Gaspedal, und der Straßenkreuzer aus Rüsselsheim zieht mit bärigen Drehmoment, wie es nur ein amerikanischer V8 bereitstellen kann, souverän und überlegen aus der Gefahrenzone.

Autor: Boris Glatthaar

Diese Heldengeschichte über seinen Opel Diplomat A entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Gutachter.