Vorstellung: Dodge Charger (1968)

Vorstellung: Dodge Charger (1968)

Bei manch einem wir die Faszination für ein bestimmtes Automodell bereits in der Kindheit entfacht. Bei Carsablanca-Mitglied Ingo Axer war es eine amerikanische Fernsehserie die ihn viele Jahre später zum Fahrer eines Dodge Charger 318 cui V8 machte

Es war genau so, wie man es sich vorstellen würde. Als Kind saß Ingo Axer (technoide) vor dem Fernseher und die Dukes rasten in ihrem 69er Dodge Charger mit singender Presslufthupe durch Hazzard County. Mal auf der Flucht vor, dann auf der Jagd nach Boss Hogg und seinem nichtsnutzigen Sheriff, schossen Luke und Bo in ihrem orangefarbenen „General Lee“ getauften Dodge durch den amerikanischen Hinterwald. Ingo Axer hockte im Wohnzimmer und wusste: Sie würden es wieder schaffen. Luke und Bo enttäuschten Ingo nie. „Die Sendung war wahrscheinlich der Grund dafür, dass der Charger mein Traumauto wurde“, sagt der heute 34-Jährige. Bei welchem Jungen war das nicht so. Doch, und auch das hatte Axer mit vielen Jungen gemein: Der Wagen blieb erstmal ein Traum, denn für den Schuljungen kam höchstens die Matchbox-Version in Frage. Doch obwohl er selbst noch gar keinen Führerschein hatte, wuchs in ihm die Begeisterung für böse Autos mit dicken Maschinen. Schon mit 16 begann er, sich ganz genau mit Autos zu befassen; schraubte mal hier an einem Motor und dort an einer Karosserie, und irgendwann war er so weit, dass er ganze Autos umbauen konnte: Er griff zur Flex und schnitt alten VW-Käfern die Karosserie vom Chassis um neue Karosserien darauf entstehen zu lassen. Gerüststeile und irgendwelche Bleche und was immer Axer in die Hände fiel nutzte er um seine abenteuerlichen Konstruktion zu bauen. Die waren am Ende natürlich nichts für die Straße sondern für die Kiesgrube. „Da haben wir die Karren dann kaputt gefahren“, sagt er.

Das aber war aber nur der Anfang. Irgendwann später, als er die Lehre zum Schreiner hinter sich hatte, schraubte er für weniger zerstörerische Zwecke. Wenn mal etwas kaputt war am Auto, riefen Freunde und Bekannte nach Ingo, und der kam und brachte alles in Ordnung. Oft auch ohne das perfekte Werkzeug und nicht in der Halle. „Das habe ich alles über die Jahre selbst gelernt. Es kam schon vor, dass ich bei einem Golf das Getriebe vor der Haustür gewechselt habe“, sagt Axer. Doch neben all den deutschen Standard-Autos zwischen seinen Fingern blieb immer der Traum vom schönen Amerikaner: „Ich habe mich immer wieder mal für amerikanische Auto-Modelle interessiert“, sagt Axer. „Besonders deshalb, weil sie einfach schön ab Werk sind. Das ist bei deutschen Autos nicht der Fall: Ein Golf zum Beispiel ist nichts Besonderes, wenn er vom Händler kommt. Er muss erst mit irgendwelchen Gimmicks beladen werden, bis er einigermaßen schön ist.“ Einen Ami kaufte sich der Rheinländer trotzdem nicht. Zu teuer. Irgendwann aber stand bei einem Autotreffen wieder ein Charger vor ihm. Ein 69er war es wohl, wie bei den Dukes, so genau weiß er es heute nicht mehr. „Ich war sofort wieder Feuer und Flamme, weil der Wagen so toll war mit seiner einmaligen Form und dem kräftigen Motor“, sagt der Mann aus Thorr bei Köln. „Ein richtiges Verbrecher-Auto.“
Für den heute 34-Jährigen stand fest: Endlich muss es so einer sein! Er fuhr nach Hause, suchte im Internet, fand dutzende Angebote, verglich, schlug immer wieder Offerten in den Wind. „Man muss da beim Kauf sehr, sehr vorsichtig sein, um nicht einem Nepper aufzusitzen“, sagt Axer. Gerade, wenn es nicht um ein Taschengeld gehe.
Nach einiger Zeit aber fand der Rheinländer einen Charger, der seinen Vorstellungen entsprach: Ein Modell 318 cui V8 der ersten Serie, Baujahr 1966, 5,2 Liter Hubraum, 230 PS. Ein Auto in Bordeaux-Rot, die alte Form, die heute kaum noch jemand kennt, mit Kühlergrill über die gesamte Front, mit betonten Kotflügelspitzen und Klappscheinwerfern. Ein Design, das schon zur Bauzeit als nicht mehr zeitgemäß galt, das noch nichts vom „Coke bottle shape“ hatte, einem Design, das einer liegenden Cola-Flasche ähnelt, wie es bei den späteren Versionen ab 1968 der Fall war. Wie beim General Lee der Dukes. „Eigentlich wollte ich ja wirklich ein Modell von 1969 haben“, sagt Axer. „Aber als ich den 66er gesehen habe, War alles klar. Schon von hinten ist er die Wucht.“
Der 34-Jährige schlug zu. Der Wagen stammte ursprünglich aus Texas und war wohl vor Jahren von einem Liebhaber nach Deutschland verschifft worden. Nun saß Axer, der den Wagen bei einem Privatmann kaufte, in seiner Neuerwerbung und fuhr mit der Kraft der acht Zylinder nach Hause. Weit war das zwar nicht. „Aber ich habe schon auf den ersten Kilometern einige Fehler am Wagen bemerkt“, sagt Axer. Seinem geschulten Ohr entgingen nicht die Probleme mit dem Standgas, der unruhige Lauf und die singende Antriebswelle. „Da dachte ich mir schon, dass ich einiges würde daran machen müssen.“ Daheim angekommen, entpuppte sich der Dodge tatsächlich als echter Amerikaner: „Er sah von außen total gut aus“, sagt Axer. „Aber, als ich die Motorhaube aufgemacht und auch mal hinter die Karosserie geguckt habe, dachte ich, ich würde von Dämonen getreten.“ Axer machte sich an die Arbeit, reparierte und improvisierte. Das ging gut, so etwas machte er schließlich seit 16, Teile bekam er beim Moparshop über das Internet oder machte sie selbst. „Kein Problem“, sagt Axer. Er baute Schalter an der eigenen Werkbank nach und sparte 60 Euro dadurch. Nahm die Klima-Anlage raus und senkte so den Spritverbrauch. „Auch, was laut Internet-Foren gar nicht möglich sein soll, ist mir gelungen: Ich habe das Lenkspiel auf Null reduziert. Und wenn man einmal die Servolenkung dieses alten Wagens gespürt hat und sich dann wieder ans Steuer eines modernen Wagens setzt, glaubt man im ersten Moment, der hätte gar keine.“
Andererseits sind da eben die Tücken eines Oldtimers. Einmal gingen inmitten der Fahrt die Lampen aus, weil die Kabel durchgeschmort waren. Axer schaute nach, sah die unter einfachen Stifthüllen steckenden, korrodierten Enden der simpel zusammen gedrehten Bordverkabelung und riss erstmal alles heraus.
Dann, nach zwei Wochen, trat wieder ein Fehler auf, diesmal am Motor. Wieder machte das Standgas Probleme, der Wagen ging ständig aus und verspeiste Unmengen an Benzin. Der Grund: Einer der Vorbesitzer hatte an der Benzinpumpe gewerkelt - und das leider wenig professionell. „Das hätte mir fast den Motor geschrottet“, sagt Axer. Wenig später hatte er eine neue Benzinpumpe eingebaut – und damit den Spritverbrauch von 30 auf 14 Liter gesenkt. Was jetzt noch kommt, sind die Innenarbeiten, das Optische an den vier Einzelsitzen, von denen die hinteren umklappbar sind, so dass sich mit der Kofferraumfläche ein großer Stauraum ergibt. Axer scherzt: „Da könnte man auch ein Spannbettlaken über die umgeklappten Sitze spannen und prima drauf schlafen.“
Eine Idee, die gar nicht so weit hergeholt ist. Denn, nachdem der Wagen schon mal technisch in Schuss ist, wollen Axer und seine Lebensgefährtin damit demnächst eine Woche in Urlaub fahren. „Ich bin ja erst knappe 1.000 Kilometer mit dem Dodge gefahren. Aber ich möchte das Fahrgefühl mal intensiver auskosten.“ Das nämlich sei einmalig: Nicht rasen sondern cruisen bei 90 bis 100 Stundenkilometern, Landstraßen, Kurven, ohne Eile, Fahrten im Umkreis, zu Autotreffen, am Sonntag. Für die Arbeit nimmt Axer lieber seinen Golf III. „Ich würde den Charger wirklich nur ungern auf einem Josef-Jedermann-Parkplatz im Industriegebiet oder vor irgendeinem Supermarkt abstellen.“
Gerade in der Stadt, anders als auf freier Strecke,  sind die Reaktionen auf den Wagen extrem: „Es gibt Landschaftsgärtner, die hinter Hecken hochspringen und klatschen, wenn ich vorbei fahre“, berichtet Axer. „Es gibt Jogger, die man im Leben nicht ansprechen würde, um sie nicht aus dem Rhythmus zu bringen, die aber von sich aus stehen bleiben. Und es gibt Porsche-Fahrer, die den Wagen von hintern sehen, angeschossen kommen, neben mich ziehen und mit 100 km/h irgendwelche brandgefährlichen Foto-Aktionen mit dem Handy starten.“ Aber, klar, auch Neider gebe es immer wieder. „Von denen kommen aber meistens nur abschätzige Blicke, bevor sie sich in ihren getunten Corsa setzen und quietschenden Reifen abzischen.“ Axer mag solche Protzerei eigentlich nicht. Nur manchmal, ganz selten, reizt es auch ihn. Dann etwa, wenn die Ampel längst grün zeigt aber vor ihm wieder jemand pennt. Ein kurzer tritt aufs Gaspedal und der 5,2-Liter-Motor donnert, und grollend schieben sich die Abgase durch den gewaltigen Doppelrohr-Auspuff, der eigentlich für die größere 7,2-Liter-Maschine gedacht ist. Die ist sogar schon eingetragen. Doch im Moment kämpft Axer noch mit der Vernunft.
Wie dem auch sei: Schon mit dem kleineren Motor verschafft sich der Charger röhrend Respekt. „Wenn ich auf mich aufmerksam machen will, muss ich Gas geben, weil ich nicht hupen kann“, sagt Axer. Das heißt – er könnte schon. Doch sie sei peinlich, die kleine Tröte. „Das muss ich auch noch machen – eine anständige Presslufthupe einbauen.“ Allerdings wird es nicht die von den Dukes of Hazzard sein.

Autor: Boris Glatthaar

Diese Heldengeschichte über seinen Dodge Charger entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds technoide.