Vorstellung: Austin Seven (1909 - 1939)

Vorstellung: Austin Seven (1909 - 1939)


Portrait

15 PS und trotzdem Spaß am Fahren? Und ob! In schnaufeligen Motoren und antiker Technik steckt viel mehr Vergnügen als man meinen sollte

Der zweite Gang reicht bis 35 km/h. Dann ist es höchste Zeit zu schalten, der kleine Motor fühlt sich bei diesen Drehzahlen gar nicht mehr wohl. Das Schalten allerdings will wohlüberlegt sein, denn vom zweiten zum dritten Gang gähnt eine Übersetzungslücke, groß wie der Ärmelkanal. Wenn man also am Berg mit der fiesen Sechs-Prozent-Steigung den Motor endlich soweit hat, dass er nach dem dritten Gang winselt, dann muss man sehr schnell sein. Wenn man es nicht ist, sich gar im unsynchronisierten Getriebe verirrt, es ganz einfach zu lange dauert und der kleine Wagen zuviel Schwung verliert, sackt der Motor unter einem jammernden Quäken ab und man muss ganz von vorn anfangen.

Englische Autos brauchen ein solides Maß Leidensbereitschaftt. Joachim Storch (GBJoschi) kann ein Lied davon singen. Letztes Jahr tauschte er seinen zuverlässigen Alltags-Toyota gegen einen Land Rover Discovery und hat seither völlig neuartige Varianten des Liegenbleibens kennengelernt.

Er hat viele Engländer ausprobiert: den flotten MGA, den stattlichen Bentley Mk VI, den kompromisslosen Land Rover Serie 1. Hängengeblieben ist er am Austin Seven. Ein quintessentielles Auto, sagt er: "Der Seven allein hatte eine Zeitlang einen Marktanteil von 37 Prozent! Das Auto war enorm einflussreich. Zum Beispiel hat Colin Chapman seinen ersten Lotus auf einem Seven-Chassis aufgebaut."

Seven-Fahren ist Autofahren ohne alle Filter. Dass der Fahrtwind einen schon bei 60 km/h ziemlich zausen kann – wer weiß das schon, der   es nicht erlebt hat? Natürlich verlangt das Getriebe, dass man sich drauf einlässt und sich mit ihm verabredet, anstatt einfach den Schalthebel umzulegen – aber das verbindet auf völlig ungeahnte Weise mit dem Auto. "Den Seven zu fahren ist ein bisschen wie Reiten. Man bewegt sich zusammen fort, der Mensch und der Mechanismus. Das macht dermaßen viel Spaß, da kommt es nicht drauf an, wie schnell man fährt.“

Fortbewegung: ein Wert an sich 

Luxus, hat Joachim Storch festgestellt, ist relativ. Wenn Fortbewegung ein Wert an sich ist, fragt man erstmal nicht nach Regenschutz. Auch nicht danach, dass vier Sitzplätze ein ziemliches Problem für den Motor werden können, wenn sie voll belegt sind. Das Triebwerk kann nicht verbergen, dass es in der Frühzeit des Autobaus wurzelt. Sein größtes Handicap: nur zwei Hauptlager. Die Kurbelwelle ist vorn aufgehängt und hinten und schwebt dazwischen frei im Raum. Die vier Pleuel können also an der Kurbelwelle herumbiegen, wie es gerade kommt. Das setzt der Leistungsentfaltung enge Grenzen – wenn man die Drehzahl über ein Niveau drückt, bei dem zum Beispiel ein jüngerer Alfamotor noch nicht mal aufwacht, bringt man im schlechtesten Fall die Innereien des Motors durcheinander.

Also lässt man es ruhig angehen. Der Seven ist zwar mit einer Teileversorgung gesegnet, die allenfalls im Ford T noch eine Parallele findet, aber Joachim Storch muss niemandem was beweisen. "Ich fahre maximal 60, ich will ihm nicht wehtun. Er ist ein kleiner Freund, deswegen heißt der Seven im englischen Volksmund auch ‚Chummy’". Und wie ein echter Freund hat der Seven eben seine Macken. Aber wer sich auf ihn einlässt, dem bereichert er das Leben.

Diese Heldengeschichte entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds GBJoschi. Sein Fahrzeug finden Sie hier.

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