Vice, Vice, Baby – Ferrari Testarossa

Vice, Vice, Baby – Ferrari Testarossa


Marktbeobachtung

Es gibt Menschen, die behaupten, nur wenige Wagen hätten ein Jahrzehnt so geprägt wie der Ferrari Testarossa. Dabei scheint es eher so, als hätten sich die Materialismus-orientierten 80er und der Testarossa gegenseitig bedingt. Ohne dieses Auto wäre aus Don Johnson vielleicht ein ernstzunehmender Schauspieler geworden. Und ohne Don Johnson der Testarossa vielleicht ... Nein. Dann kann man sich schon eher Johnson als Hamlet vorstellen.

In jedem Fall bewirkte dieses Paradebeispiel von Product Placement im Zusammenhang mit den erstaunlich angenehmen Fahreigenschaften des Testarossa, dass dieser dem Lamborghini Countach den Rang als "das" Supercar ablief. Was nicht heißt, dass man das Styling des Testarossa, das sicherlich irgendwie irgendwo aufregend war, wirklich als gelungen bezeichnen konnte. Im Gegensatz zum schauderös mit der Heckenschere gestylten Countach allerdings konnte man selbst den riesigen und überladenen Testarossa fast übersehen.

Sei es, wie es sei: Auf dem fragwürdigen, die Karosse umlaufenden Grillrost  konnte man prima die leistungsmäßig unterlegenen Verkehrsgenossen schwarzbrutzeln, in Fünfkommazwei war der Testarossa auf Hundert, als Spitze waren 290 km/h ausgerufen. Ersteres galt 1984 noch richtig was. Heute müsste man sich vor einem starken Audi-TDI in Acht nehmen. Aber wer einen Testarossa fuhr (oder fährt), tat dies weder um der reinen Beschleunigung wegen, noch um für einen mittelmäßig bis fragwürdig gekleideten Polizisten in Zivil gehalten zu werden. Allerdings weiß ich auch nicht, aus welcher Motivation heraus ein Testarossa tatsächlich bestellt wurde. Ich kann es mir bis heute nicht erklären. Außerdem habe ich auch viel lieber Magnum geschaut als Miami Vice.

Es zählte wohl schlicht die gefühlte Kraft der Zwölfzylinder-Mittelmotormacht, die ihre Reserven aus knapp fünf Liter Hubraum im Eiltempo in die Brennkammern schöpfte. Mit vier Ventilen pro Zylinder nahm auch der Ferrari-Boxer das beherrschende Technikthema der 80er auf. Auch im Innenraum war dieser Ferrari ein Kind seiner Zeit: Ziemlich charmbefreites, sich schnell abnutzendes Plastik dominierte, auch das immerhin handgenähte Leder der Sitze löste sich mit der Zeit gern auf. 

Ein Ferrari ist ein grenzwertiges Auto, jedenfalls ein Testarossa. Er fährt munter in den geschmacklichen Grenzbereich. Andererseits passt er wunderbar zu den Sonnyboys von Monte Carlo bis Miami, ohne deren perfektes Klischee Nachbetrachtungen wie diese hier unmöglich wären. Hat noch jemand die "Pump up the Jam"-Single auf dem Boden?

Abgesehen davon verkaufte sich der auf seinem Vorgänger 512BB basierende Testarossa bis 1992 5.648 Mal – ein Traumwert für einen Exoten, jedenfalls für dessen Erbauer. Zum Glück fährt einem das derart verbreitete Gefährt nicht mehr täglich vor dem Yachtclub vor die Füße. Und wer, bitte, war noch mal Don Johnson? 

P.S.: Aufgrund der regen Diskussion: Meine Ferrari-Testwagen nach Redaktionsschluss:

Dieser Artikel erschien am 08.08.2008